Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

125 – Die Unschuld vom Lande

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Liebe Frauen,

da steht das Mädel am Bahnhof, die Hände schüchtern vorm Dirndl gefaltet, den altmodischen Koffer ohne Rollen neben sich, und schaut unsicher in die große Halle, wo Menschen an ihr vorbeiwuseln, ohne sie wahrzunehmen, schnell schnell, geschäftig, abgelenkt, immer woanders mit den Gedanken, ohne Blick für das, was gerade ist. Das Mädel greift in ihre Tasche und fingert einen zerknitterten Zettel hervor, auf der eine Adresse steht, kaum leserlich, nichtssagend, denn noch nie hat sie von der dort notierten Straße gehört, noch nie war sie in der Stadt, in die sie unverhofft geschmissen wurde, sie ist ja erwachsen, muss sich nun selber durchschlagen, die Adresse hat ihr ihre Mutter aufgeschrieben, eine letzte Hilfestellung auf ihrem Weg ins Leben, allein, in die große weite Welt.

Wie soll sie dahin kommen?

Was wird sie dort erwarten?

Was ist hier los, warum bleibt niemand neben ihr stehen und fragt sie, ob sie Hilfe braucht, mit einem freundlichen Lächeln?

Ein Taxi, hat die Mama gesagt, nimm ein Taxi, lies dem netten Fahrer vor, wo du hin willst oder zeig ihm den Zettel, dort wirst du erwartet. Warum wurde sie nicht abgeholt?

Doch wo findet sie ein Taxi?

Sie packt ihren viel zu schweren Koffer, in dem alles ist, was sie braucht, was sie hat, und schleppt sich zur Treppe, irgendwo muss es doch eine Beschilderung geben, einen Hinweis, irgendwas. Der Koffer schlägt gegen ihre nackten Waden, als sie die Rolltreppe direkt daneben bemerkt. Die hätte sie benutzen können. Zu spät.

Dann ein Schild, Taxi, Ausgang, gut.

Ein Auto hinter dem nächsten reiht sich vorm Bahnhof aneinander, sie geht zum erstbesten, steht da, kein Taxifahrer springt raus und nimmt ihr den Koffer ab und hält ihr die Tür auf. Vorsichtig späht sie durchs Beifahrerfenster, der schnaubärtige Mann tippt was in ein elektronisches Gerät, schaut nicht auf. Soll sie sich bemerkbar machen? Wie soll sie sich bemerkbar machen? Etwa an die Scheibe klopfen? Ist das nicht unhöflich? Na gut.

Mit dem Knöchel des rechten Zeigefingers tippt sie zaghaft gegen das kalte Glas. Nichts, keine Reaktion.

Etwas fester. Der Mann schaut auf, schaut sie an, schaut an ihr herab, deutet mit dem Finger nach vorn.

Wahrscheinlich ist es das Unverständnis, das aus ihren Augen spricht, dass er auf einen Knopf an der Fahrertür drückt, das Beifahrerfenster senkt sich wie von Geisterhand…

Na gut, reicht, denke ich, die Unschuld vom Lande.

Oder gibt es sie etwa gar nicht mehr? Ist das ein Bild aus vergangenen Tagen, vergangener Zeit?

Nein, es ist ein Bild aus männlichen Köpfen. Denn tatsächlich ist das Mädel ganz und gar nicht unbemerkt geblieben. Dutzende Blicke blieben an ihren nackten Waden hängen, an ihrem Ausschnitt, ja, denn Dirndls haben dieses gewisse Etwas, das eben auch das Mädel hat, das Mädel vom Lande, unschuldig und unerfahren, wie aus einem Märchen von früher, in denen Mädchen von bösen Wölfen überfallen, in die Irre geführt und verspeist worden sind.

Ja, Rotkäppchen lebt, und auch sie muss sich durch den gefährlichen Wald schlagen, in dem hinter jedem Baum ein Wolf lauert, der nur allzugerne Kreide frisst und die sieben Zwerge sind böswillige alte Männer, die sie ausnutzen, „wenn du bei uns wohnen willst, dann musst du für uns arbeiten, Wäsche waschen, kochen, putzen und…“

Und.

Und niemand hat dem Mädel die Märchen von früher erzählt, denn auch am Land gibt es Fernsehen, und was da gezeigt wird, hat doch nichts mehr mit dem wahren Leben zu tun, das weiß doch jedes Kind.

Euer Adam

Bild: Kenneth Whitley

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© Raoul Biltgen

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