Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

135 – Der Grenzgänger

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Mit dem rechten Zeigefinger streichelt er, fast zärtlich, über ihren Nacken, zieht die leicht hervorstehenden Knochen der Wirbelsäule nach, fährt in ihre Haare, über den Scheitel, den Kopf, die Stirn, die Augenbrauen, über die Wange, fängt einen Tropfen auf, der gerade den Mundwinkel erreichen wollte. Er hebt den Finger vor seine Augen und beschaut die einzelne Träne, wie ein Edelstein sitzt sie auf seiner Fingerkuppe, dann steckt er seinen Finger in den Mund und weiß nicht recht, ob es vielleicht doch das Salz seines Schweißes ist, das er schmeckt. Ganz sanft legt er seine Hand auf ihre Wange, die immer noch feucht ist, rutscht mit den Fingern unter ihr Kinn, hebt ihr Gesicht, schaut sie an.

Sie hält ihre Augen geschlossen, fest, gepresst.

Er drückt ihr einen Kuss auf die Stirn, während er mit beiden Händen gleichzeitig über ihre Schultern zu ihrer Brust fährt, er legt die Handflächen auf beide Brüste, spürt ihre Brustwarzen, drückt, leicht nur, ein wenig zu, dann nimmt er die Nippel zwischen Zeigefinger und Daumen und zieht ein wenig, nur ein wenig.

Ihr Busen ist abgeschnürt, die Fesseln, die vom Rücken her nach vorne kommen, befinden sich genau unter dem Brustansatz, führen zwischen den Brüsten nach oben, überkreuzen sich, gehen dann wieder zurück über die Schultern nach hinten. Kurz hatte er überlegt, das Seil auch um den Hals zu führen, doch das schien ihm zu brutal. Oder zu gewagt? Zu klischeemäßig.

Wie er da über ihr steht, wünscht er sich, dass sie ihre Hände hebt und in seinen Schritt greift, den Reißverschluss seiner Hose öffnet und seinen Penis herausholt, ihn streichelt, liebkost, ihn reibt, bis er kommt. Doch das kann sie nicht, ihre Hände sind hinter ihrem Rücken an den Stuhl gefesselt, auf dem sie sitzt.

Er tritt ein, zwei Schritte von ihr weg und betrachtet sie. Er findet es schade, dass das Seil, das sie am Bauch nach hinten zieht, Fettwülste entstehen lässt, wo eigentlich keine sind, eine optische Täuschung. Bei dicken Frauen stört es ihn nicht, wenn man sieht, dass sie dick sind, eher im Gegenteil, er findet es schade, wenn sie es verstecken wollen, wenn sie sich in vermeintlich straffende Unterwäsche zwängen, um anders zu erscheinen, als sie sind. Genau so will er, dass schlanke Frauen schlank aussehen. Deshalb wandert sein Blick weiter vom Bauch zum Ansatz der Schamhaare der Frau. Nur ein paar wenige sind zu sehen, ihre fest zusammengepressten Beine verstecken den Rest. Es freut ihn zu wissen, dass da mehr ist.

Gerne würde er sich jetzt einen runterholen, hier vor ihr, doch er ist nicht steif, nicht steif genug, und aus Erfahrung weiß er, dass er auch nicht steifer wird, selbst wenn er Hand anlegt, selbst wenn er sich auszieht und sich auf sie setzt, wenn er sich an ihr reibt, ihre Hände befreit und mit ihnen an sich das macht, was er mag. Er mag es, doch es reicht nicht. Nie.

Ist das Blut, das an ihren Fußknöcheln zu sehen ist? Hat er das Seil zu fest gespannt? Wieder? Warum gelingt es ihm nie, das richtige Maß zu finden, dass er sie nicht verletzt, ihre Haut nicht aufschürft? „Tut es weh?“, fragt er, entschuldigend.

Keine Antwort.

„An den Beinen? Tut es weh?“

Sie kann gar nicht antworten, sie ist geknebelt.

Aber ihren Kopf könnte sie heben, ihn ansehen, ihm durch einen Augenaufschlag ein Zeichen geben, ein Grunzen oder Stöhnen oder sonst einen Laut.

„Sag etwas“, brüllt es plötzlich aus ihm heraus, „sag was, sag es mir, tu ich dir weh?“

Ganz langsam schüttelt sie den Kopf.

Das hatte er befürchtet.

Er weiß, was jetzt kommt. Was jetzt kommen muss. Was immer kommen muss. Seine rechte Hand zittert, als er sie hebt, sie will ihm nicht gehorchen, er schließt die Augen, er muss sich überwinden, dann schlägt er zu. Mit einem kräftigen Ruck schnellt seine Hand in ihr Gesicht, es knallt, ihr Kopf wird zur Seite geschleudert, seine Hand brennt. Hat er ihr Ohr getroffen?

„Das Ohr?“, fragt er kleinlaut.

Sie hebt das Gesicht, schaut ihm in die Augen, unbeirrt. Das heißt, sie will mehr.

Und er macht weiter.

Und er hasst sich dafür.

Liebe Frauen,

böser Mann, nicht wahr? Ein Perverser, ein Brutalo, Psycho, Arschloch, einer, der Frauen erniedrigen muss, obwohl er weiß, dass das Scheiße ist, einer der sich nicht unter Kontrolle hat, einer, wie er in den amerikanischen Thrillern zu sehen ist, einer, der tagsüber Hornbrille trägt und das Hemd bis zum Hals zugeknöpft hat, der auf brav tut, aber gottseidank von Morgan Freeman oder anderen extrem intelligenten Superprofilern enttarnt und entlarvt und zur Strecke gebracht wird, bevor er auch diese Frau, das letzte seiner Opfer, umbringen und im Wald verscharren kann. Na nochmal gut gegangen.

Aber das ist er nicht. Deshalb hier das Ende der Geschichte. Also:

… Sie hebt das Gesicht, schaut ihm in die Augen, unbeirrt. Das heißt, sie will mehr.

Und er macht weiter. Er weiß, erst wenn es weh tut, wenn es ihr mehr weh tut als ihm, ist sie soweit, dann hat sie das, was sie will, was sie braucht, was sie zum Höhepunkt bringt, dann kommt sie, laut und extatisch, unersättlich. Dankbar. Am Ende immer dankbar. Dann löst er ihre Fesseln und wischt ihr das Blut von der Lippe, küsst sie zärtlich auf den Mund, lässt ihr Zeit, dass sie durchatmen kann, kurz ausruhen, bis sie bereit ist, nun ihm zu geben, was er braucht. Kuschelsex. Sie lächelt ihn an und er weiß, dass sie es lächerlich findet, dass es ihr peinlich ist, nach der harten Nummer einen auf Regenbogen und Weizenfeld im Sommer zu machen.

Aber hätten sie gewusst, dass ihre sexuellen Vorlieben dermaßen unterschiedlich sind, als sie sich kennen und lieben gelernt hatten, hätten sie sich dann gegeneinander entschieden? Wohl kaum. Da kann man also auch mal einen Kompromis eingehen, oder nicht?

Eben, kann man.

Euer Adam

Bild: Spicy Mystery Stories, December 1936, Culture Publications

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© Raoul Biltgen

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