Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

235 – Die Gratulanten

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Liebe Frauen,

Geburtstage sind ja was Schönes, nicht?

Bild: Sasha Kargaltsev

Dochdoch, da kriegt man Geschenke, man lässt sich feiern, Menschen lachen, wenn sie einen sehen, sie singen gar, wenn auch falsch, dafür laut, und sonst würden sie unter gar keinen Umständen und nicht einmal in der Karaokebar besoffen um halb vier in der Früh auch nur den leisesten Ton anstimmen, aber wenn man Geburtstag hat, ja, dann überwinden sich die Menschen, weil sie feiern wollen, weil sie mit dem Geburtstagskind feiern wollen, plötzlich ist man der Held der Mannschaft, obwohl man gar kein Tor geschossen hat, und die Welt ist ein kunterbuntes Konfettispektakel.

Oder ergeht es Euch etwa nicht so, wenn Ihr Geburtstag habt?

Echt jetzt? Keine Kolleginnen, die extra Kuchen gebacken haben? Keine Chefs, die die Zigarettenpause verlängern, damit alle den gestifteten Sekt schlürfen können? Keine Freudengesänge, wenn Ihr auch nur die Tür aufmacht?

Oooh, Ihr Armen, denen es so geht, wie wohl den meisten, die nicht in einer Sitcom leben.

Aber gottseidank gibt es ja facebook.

Das ist übrigens ein Satz, den man sich merken sollte, denn er passt so ziemlich auf jede Lebenslage, die mit irgendeiner Enttäuschung verbunden ist: Gottseidank gibt es facebook. Oder besser: Zuckerberg sei Dank gibt es facebook, hurra. Denn seit es facebook gibt, wird man mit Gratulationen nur so überhäuft. Denn facebook ist so nett und erinnert die vielen vielen Freunde, die über die ganze Welt verteilt sind, brav daran, dass es da wen gibt, der befeiert werden möchte. Und da muss man auch keinen Kuchen backen oder ein Geschenk kaufen oder dreistimmig singen, nein, es reicht eine Zeile in der Chronik, und schon wissen alle, ja, da hat wer dran gedacht. Und wer besonders fleißig sein will, der verschickt auch noch ein kitschiges Bild mit Blumen oder Katzen oder Kuchen oder Katzen, die den Kuchen fressen, oder aber mit Korken knallenden Sektflaschen. Oder Sektkorken, die Katzen abschießen. Nein, Hunde werden abgeschossen, Katzen sind dafür zu süß, nein, schau wie süß, die Katze ist besoffen, weil sie am Sekt gesüffelt hat, hihi.

Und das liebe Geburtstagskind sitzt zuhause und schaut ins facebook rein und kann es nicht fassen, dreihundertzweiundsiebzig Gratulationen. Gleich nochmal zählen, das kann doch nicht sein. Dreihundertsechsundsiebzig, es sind drei dazugekommen.

Und das liebe Geburtstagskind hat nichts Besseres zu tun, als sich – natürlich – brav zu bedanken und reinzuschreiben: „Wow, vierhundertvierundzwanzig Glückwünsche, ich fass es nicht“. Und dann kommen noch ein paar dazu, die nämlich grad nicht online waren an dem Tag, weil … weil … es gibt keinen Grund, nicht online gewesen zu sein.

Und das liebe Geburtstagskind lächelt boshaft am nächsten Tag, wenn es gar nicht mehr das liebe Geburtstagskind ist, sondern einfach nur ein Jahr älter, dass ein anderes Geburtstagskind nur zweihundertsiebzehn Glückwünsche erhalten hat, haha, und das gitb auch noch damit an?, pah, das ist doch nichts, nichts, harrharrharr, ich bin besser und beliebter, harr.

Und ich denke mir: facebook ist ein Arschloch, denn es gibt tatsächlich die Möglichkeit, das Geburtsjahr nicht zu veröffentlichen (weil Frau sowas ja nicht zugeben will, dass sie schon ganze vierzig ist), aber was nicht geht, das ist, dass nur das Jahr da steht, Tag und Monat aber nicht. Dann gibt man gar keinen Geburtstag an. So wie ich das gemacht habe. Weil ich auf die Glückwünsche der Gratulanten verzichten kann, die mir nicht gratuliert hätten, wüssten sie es nicht über facebook, dass ich Geburtstag habe. Und weil ich mich kenn: Auch ich würde zählen und mich grämen, dass ich von meinen abertausend Freunden nur aberhundert Posts bekommen habe. Und dann wär ich sauer auf all die, die mir nicht gratuliert haben. Hey, warum nicht? Könnt Ihr mich nicht leiden? Warum habt Ihr mich dann angefreundet? Ach, ich hab Euch angefreundet? Aha, na dann … Ist das trotzdem blöd.

Und das Gute ist: Wenn niemand sich bemüßigt fühlt, mir zu gratulieren, weil facebook dazu auffordert, dann bin auch ich nicht mehr gezwungen, jedem zu gratulieren, nur weil ich per facebook weiß, dass da wer Geburtstag hat.

Euer Adam

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© Raoul Biltgen

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