Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

238 – Die Hühnerbrust

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Liebe Frauen,

habe auch ich mal wieder was gelernt. Und zwar:

Männer, die gerne mit nacktem Oberkörper durch die Öffentlichkeit laufen, aber nicht jenen Oberkörper vorzuweisen haben, wie man ihn sich erwartet, wird er hergezeigt, die also nicht vollkommen fettfrei und austrainiert und brusthaarentfernt sind, nennt man aerosexuell.

Aerosexuell?

Ja, genau, aerosexuell. Was das zu bedeuten habt, dürft Ihr gerne selber nachschlagen, denn das hat der gute Journalist, der sich gedacht hat, er könne mit einer Wortneuschöpfung in die Duden dieser Welt eingehen, auch getan, um besonders interessant zu klingen. Mich interessiert es aber nicht. Denn der ewige Drang, Männer immer wieder neue Labels überzustülpen, geht mir schonmal ziemlich auf den Sack. Zuerst mussten wir metrosexuell sein, weil es plötzlich einen Fußballer gab, der zum Friseur gegangen ist. Dann kam ein anderer Fußballer, der so selten dämlich schaut, dass man denkt, der hat es mit dem Kopfballtraining übertrieben, aber sein Oberkörper ist wahrscheinlich der perfekteste, den die Welt jemals gesehen hat, und schon müssen wir spornosexuell sein. Noch nie gehört? Ich bis vor Kurzem auch nicht. War ich auch nie. Nein, ich gehöre wohl zu den retrosexuellen, wenn ich das richtig verstanden habe, und zwar nur weil ich mich nicht jeden Tag rasiere und deswegen Bartträger bin, was aber sowas von retro ist, uuuhhh.

Und was ist, wenn ich im Sommer obenrum nichts anhab? Und das mit Bart? Bin ich dann aeretrosexuell?

Hiermit erhebe ich Anspruch auf diese Wortneuschöpfung. Und schon bin auch ich berühmt, hurra.

So ein Scheiß.

Die meisten Männer haben Hühnerbrust. So einfach ist das. Weil heutzutage alles Hühnerbrust ist, was nicht gestählt ist. Und gestählt ist nur jene Brust, deren Träger sich jeden Tag drum kümmert. Nein, liebe Frauen, kein Mann ist von Natur aus muskelbepackt, das ist nur möglich, wenn man was dafür tut. Und zwar etwas, das über das normale Maß an Körperpflege hinausgeht. Training, Training, Training. Und es stimmt, das ist durchaus keine Frage des Geldes, denn dafür braucht man keine Geräte oder gar eine Mitgleidschaft in einem Fitnessstudio. Was man braucht, ist Zeit. Und Lust, sich dem hinzugeben. Was im Großen und Ganzen dann doch nur wenige Männer haben. Das Problem ist nur, dass auch wir schon dermaßen irgendwelchen Idealbildern unterliegen, dass wir uns schämen, unsere Hühnerbrüste öffentlich herzuzeigen. Also tun es nur jene, die Stolz das Resultat monatelanger Schufterei dem dankbaren Publikum präsentieren wollen. Und dann entsteht der Eindruck, dass es nur solche gibt. Und dann erscheinen jene, die trotzdem ihre männlichen Speckröllchen herzeigen, noch mehr als … als was? Loser? Softies? Bürohengste? Computerfuzzis? Als Aerosexuell.

Wann wird sich denn darüber aufgeregt, dass sich Menschen entblößt zeigen? Genau, wenn sie nicht einem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Ihr wisst, wovon ich spreche, liebe Frauen: Ginge eine von Euch, die vielleicht einen Bauch hat oder einen dickeren Hintern oder gar, oh Graus, weiße Haut, im Bikini durch die Fußgängerzone, hieße es: schamlos, eklig, wie kann man nur. Tut es ein Model, heißt es: Wow.

Bei den Männern sind die Reaktionen (noch) weniger ausgeprägt, aber ähnlich gelagert: Geht etwa ein Ronaldo-Typ im Sommer oben ohne in den Supermarkt, um sich ein Eis am Stiel zu kaufen, um gleich anschließend das Eis mit Stil zu schlecken, schauen alle zu und ihnen rinnt der Sabber aus dem Mund. Tut dies aber ein ganz normaler Mann, wird die Nase gerümpft. Das gilt sogar, was den die Haut bedeckenden Schweiß angeht: Beim Normalo: Iiih, verschwitzt. Bei Ronaldo: Uuuh, sexy. Genauso läuft es mit einem muscle-shirt.

Was sind also Aerosexuelle? Männer, die dem Drang einfach nicht widerstehen können, ihre Haut der freien Luft auszusetzen? Oder Männer, die sich denken: Ach scheiß drauf, es ist heiß, was soll’s, ist nicht mein Problem, wenn andere ein Problem damit haben, dass ich wahrlich Besseres zu tun hab, als in die Muckibude zu gehen?

Eben.

Und übrigens: Ich finde es auch nicht attraktiv, wenn Ronaldo oder einer seiner lookalikes vor mir an der Kassa stehen, die sollen sich gefälligst was überziehen, echt jetzt.

Euer Adam

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© Raoul Biltgen

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