Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

280 – Das Online-Rollenspiel

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Liebe Frauen,

seht Ihr den auch, diesen Troll da hinten, der mit der großen Streitaxt über seiner Schulter?

Bild: Wellcome Images

Folgen wir dem doch mal ein Stückchen durch den Wald. Hm, passiert nicht viel, trollt sich halt so über den Weg, die Sonne geht auf und wieder unter, ab und an erschlägt er einen Feldhasen und findet ein paar Goldmünzen, dann pflückt er Blumen und Kräuter, und watscheln tut er, das ist nicht mehr schön, der mit seinem knappen Lendenschürzchen über den ausladenden Hüften. Ah, jetzt aber, wir kommen zu einer Schenke, das ist doch endlich mal was. Und was? Der Troll geht rein und verkauft erstmal seine Blumen und Kräuter dem Wirten, dann kauft er sich ein Bierchen und setzt sich an einen Tisch. Essen bestellt er nicht, hat ja schon die Langohren unterwegs abgenagt.

Oha, eine Waldelfe spaziert rein, ja, die hat was, kann man nichts sagen, die hat Beine bis zum Hintern und Brüste, in deren Schatten man die Wüste Gobi durchqueren kann, ohne Sonnenbrand zu bekommen, selbst das blasse Blau ihrer Haut ist nicht ohne, und auch sie trägt nicht viel mehr als ein zerrissenes Stück Leder, das scheint hier Mode zu sein. Sie setzt sich elegant und augenaufschlagend zum Troll an den Tisch. Und dann müssen wir nicht lange warten, schon legen die beiden los. Der Wirt putzt weiter seine Gläser, während sich Troll und Elfe abschlecken am ganzen Körper, und da sind die wenigen Fetzen, die sie am Leib trugen, auch kein großes Hindernis, dorthin zu gelangen, wo es hinzugelangen wichtig war. Und was hat denn der Troll für einen mächtigen Schwanz, und ich rede nicht von einem Schwanzschwanz, wie ihn Tiere haben, nein, ich meine das Gemächt, da fragt man sich schon, wie er das unter seinem Schürzchen so gut hat verbergen können bis jetzt. Und auf Vorspiel scheint hier nicht so viel Wert gelegt zu werden, die Elfe bespringt ihn und schon dringt er in sie ein, man weiß nicht recht, wie macht er das überhaupt, aber sie scheint es zu mögen und es wird gerittet, dass den biederen Damen in Ascot die Hüte hochgehen, und die Körpersäfte spritzen rum und juchhe, da geht was ab. Und der Wirt putzt immer das gleiche Glas. Aber nicht etwa, weil er so darauf fixiert ist, den beiden zuzuschauen und sich daran aufzugeilen, sondern weil er darauf programmiert ist, immer und immer wieder das gleiche Glas zu säubern, bis er endlich von jemandem angesprochen wird.

Na? Habt Ihr Euch so in etwa Online-Rollenspiel-Sex vorgestellt?

Ich schon.

Weil ich die längste Zeit meines Lebens nur Online-Rollenspiel ohne Sex gekannt habe. Und da laufen sie halt rum, die Trolle und Elfen und Magier und Zwerge. Haben aber keinen Sex. Ist nicht vorgesehen, dass sie ihre teuren Rüstungen ablegen. Haben nicht einmal die dafür notwendigen körperlichen Attribute. Sie gehen ja auch nicht aufs Klo.

Tatsächlich kann aber auch in solchen Rollenspielen Sex vorkommen. Und zwar verbal. Was heißt: in geschriebener Form. Und dann könnte man annehmen, ist man nicht so weit entfernt von dem, was allgemein als Cybersex bekannt (oder erahnt) ist. Irgendwo auf der Welt sitzen Menschen vor Bildschirmen und tippen ihre sexuellen Phantasien einhändig in die Tastatur, während sie sich mit der anderen unter der Schreibtischplatte einen runterholen. Komischerweise fallen einem da doch immer als erstes die Männer ein. Gut, vielleicht gibt es auch Frauen, die sich währenddessen befriedigen. Sicher sogar, sonst hätten die Männer dann doch irgendwann die Lust daran verloren, nicht zu wissen, ob es sich nun wirklich um eine Frau am anderen Ende der Leitung handelt, oder eben nicht. Ich denke aber, Sex im Rollenspiel, und es gibt ja auch Rollenspiele, die nur darauf ausgelegt sind, miteinander erotische Moment zu verbringen, da ist das Abschlachten von feist grinsenden Skeletten und grünschleimigen Monstern nicht ganz so wichtig, hat noch einige Elemente, die der herkömmliche Cybersex nicht so bietet. Vor allem ist im Rollenspiel sehr klar, dass es sich um Rollen, um erfundene Figuren handelt. Und man weiß nicht wirklich etwas vom Menschen dahinter. Der Reiz liegt also weniger darin, unsicher zu sein, was wahr ist und was nicht, sondern darin, ganz klar dem anderen etwas vorzuspielen. Und Phantasien auszutauschen. Und ich schätze mal, auch das spielt eine wesentliche Rolle, dass man Phantasien austauscht. Man gibt etwas enorm Intimes preis, nämlich das, was man im realen Leben ganz einfach nicht ausleben kann. Sex mit Trollen zum Beispiel. Oder Elfen. Oder anderes. Als einer oder eine, der oder die man einfach nicht ist. Und man erfährt ebensolches vom Kurzzeitpartner. Man blickt so tief in die Vorlieben eines anderen Menschen, wie es sonst wohl nur ganz ganz selten möglich ist. Und man ist nicht allein mit irgendwelchen Bildern im Kopf, die man im Gespräch mit dem guten Kumpel wohl als Abartigkeiten bezeichnen würde. Und ich meine jetzt keineswegs Illegales.

Die Frage ist: Wäre es wünschenswert, diese Phantasien mit realen Menschen zu teilen? Mit Menschen, denen man in die Augen sehen kann? Und ich würde mal damit anfangen, dass man die Phantasien einfach nur in Sprache zu fassen versucht. Was bekanntlich schwerer ist, wenn es eine gesprochene Sprache ist, als eine geschriebene. Oder ist es ganz gut, dass das alles seinen virtuellen Raum hat, wo man es auch ablegen kann, wenn man keine Lust mehr darauf hat? Die Frage ist also: Wieviel Spiel steckt im Rollenspiel? Und mit wem will ich es spielen? Wie wichtig ist es, diese Sachen mit einem Menschen zu teilen, den ich nienieniemals kennenlernen werde? Oder wird nicht so gerne gesagt, dass zwei sich innig liebende Menschen einfach alles miteinander teilen? Teilen sollten? Teilen wollen? Teilen können?

Wieviel Troll veträgt die Realität?

Euer Adam

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© Raoul Biltgen

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