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304 – Die Selbstliebe

2. November 2015

11 Kommentare

  • Liebe

Liebe Frauen,

nein, wenn ich meinen heutigen kleinen Text mit Selbstliebe betitele, dann meine ich nicht Onanie, echt jetzt, was Ihr wieder denkt?

Ich meine die Liebe zu sich selbst.

Was an sich ja nichts Verwerfliches, es ist gut, wenn man sich selber lieben kann, denn wenn man sich selber hasst, hat man ein Problem. Nämlich dass man trotzdem mit sich leben muss. Blöd. Und heißt es nicht schon in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Eben. Geht ja auch nur, wenn man sich nicht so schlecht findet. Und wenn man sich aber eher in die Kategore Arschloch einordnet, überträgt sich das auf den Rest der Menschheit. Auch blöd.

Worüber ich mir aber heute Gedanken machen will, das ist die Verwechslung von Liebe und Selbst-Liebe. Oder anders gesagt: Man denkt und sagt, ich liebe dich. Und meint und fühlt, ich liebe mich. Und ich bin überzeugt, dass sehr sehr viele Beziehungen auf diesem Planeten auf dieser Basis funktionieren. Und so lange sie funktionieren und alle Beteiligten zufrieden sind, gibt es ja auch 304 - die Selbstliebe | Adam sprichtnichts einzuwenden. Auffällig wird es aber meist dann, wenn die Beziehung in die Brüche geht. Denn was passiert? Streit. Ärger. Wut. Zorn. Hass.Im einen Moment war man vor Liebe zu einem Menschen noch ganz wuschig im Hirn (und zwischen den Beinen), und im anderen möchte man diesem Menschen die Fresse einschlagen. Oder zumindest die Reifen durchstechen. Oder man schmeißt mit Tellern rum. Warum? Weil der andere einen nicht liebt. Oder nicht mehr liebt. Also liebt man ihn auch nicht. Mehr. Und da scheint plötzlich der Fehler im System auf: Die vorher empfundene Liebe ist eine Liebe unter Bedingungen. Und die wichtigste Bedingung dieser Liebe ist, geliebt zu werden von der Person, die man liebt. Oder sollte ich sagen: die man vorgibt zu lieben? Denn ist es Liebe, wenn man nur dann liebt, wenn man geliebt wird?

Ja, es ist Liebe, aber eben jene Liebe, die ich im Titel mit Selbstliebe meine.

Liebe bezieht sich ausschließlich auf die andere Person, und besteht unabhängig von irgendwelchen Bedingungen. Dann kann es eine unglückliche Liebe sein, wenn sie nicht erwidert wird, ja, aber die Liebe an sich bleibt davon unberührt. Es ist dies auch jene Liebe, die um der geliebten Person willen freiwillig darauf verzichtet, zurückgeliebt zu werden, wenn es der anderen Person gut tut, es nicht zu tun. Ein sehr schönes Beispiel hierfür findet sich abermals in der Bibel (ja, da steht schon hie und da Lustiges drin), und zwar in der Reaktion der Mutter, die lieber ihr Kind aufgibt, als es von Salomo zerteilen zu lassen. Es ist eine selbsttranszendente Liebe. Klingt jetzt super oh wie wichtig und so, aber das komplizierte Wort sagt nichts anderes, als dass es darum geht, nicht mehr auf sich zu schauen, sondern auf den anderen. Weil man ihn liebt. Und aus. Dann kann man nicht böse sein, wenn der andere diese Liebe nicht erwidert. Erwidern kann.

Wer sich aber persönlich angegriffen fühlt, weil die geliebte Person nicht zurückliebte ist, dem geht es nur um sich. Der will geliebt werden. Aus. Und er liebt es, geliebt zu werden. Weil er sich so unglaublich geil und toll und super findet, dass er annehmen muss, dass alle ihn lieben. Und er liebt alle, die ihn lieben. Und wenn wer das nicht tut … wird dadurch sein Selbstbild infrage gestellt. Weil das bedeuten würde, dass er doch nicht so geil und toll und super ist. Das ist eine Kränkung. Und da kann man schon mal wütend werden, wenn da wer sich erdreistet, dich einfach so nicht zu lieben, hallo, wer ist denn das, was glaubt denn da wer, was wer wohl sein will, hä?

Und am Schönsten äußert sich das, wenn’s am Banalsten ist, und das ist nicht nach einer Beziehung, wo dann doch noch viele andere Faktoren eine Rolle spielen können, sondern am (verpatzten) Anfang. Wenn (zum Beispiel, aber es geht auch andersrum) der junge Mann der jungen Frau nach langem Zögern und Zaudern seine Liebe gesteht, sie ihm eine Abfuhr erteilt, und er dann patzig wird („Dann geh doch scheißen, blöde …“). Was ist das? Verletzter Stolz. Mit Liebe hat das nichts zu tun. Außer mit der Liebe zu sich selbst.

Euer Adam

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11 Kommentare zu "304 – Die Selbstliebe"

  • Lieber Adam,

    das war heute aber recht psychologisch angehaucht, insbesondere im Bereich des Selbstbildes/der Selbstwahrnehmung! Du hast nicht zufällig in letzter Zeit Erich Fromm gelesen, der dich auf das Thema brachte, oder?
    Sehr interessant, dein heutiger kleiner Text. Aber wollen denn nicht wir alle geliebt werden ohne Bedingungen?
    Haben wir nicht alle das Bedürfnis/das Verlangen, dass sich auf der Welt wenigstens ein Mensch findet, der uns bedingungslos liebt?
    Und haben wir nicht alle das Bedürfnis/das Verlangen, dass wir auf der Welt wenigstens einen Menschen finden, den wir bedingungslos lieben können („dürfen“)?
    Und ja, du hast Recht, man kann einen anderen Menschen durchaus noch immer lieben, selbst wenn der einen nicht mehr liebt. Das muss auch nicht zwangsweise in Zorn und Hass umschlagen, verletzt und unglücklich ist man jedoch bestimmt. Auf Knopfdruck abschalten lässt sich Liebe nicht. Aber sie kann durchaus langsam sterben.

    • Nicht Erich Fromm, sondern Viktor Frankl. Ich glaube auch, dass jeder Mensch bedingungslos geliebt werden will. Und ich glaube auch, dass es gut wäre, bedingungslos zu lieben. Ich bezweifle aber, dass das alle Menschen auch so tun. Die meisten verwechseln das, sie denken, es reicht den zu lieben, der sie bedingungslos liebt. Womit sie raus aus dem Schneider sind.

      • Lieber Adam,

        aha, nun wird einiges klarer. Logotherapie und Existenzanalyse, Wiener Schule der Psychotherapie. Und: …trotzdem Ja zum Leben sagen. Tja dann, daher dürfte auch ABILE für dich kein Fremdwort sein. Und daher auch die Selbsttranszendens!

      • Sagt dir übrigens der Name Professor Manfred Hassebrauck etwas? Sozialpsychologe an der Bergischen Universität Wuppertal.
        Von ihm gibt es passend zum Thema ein nettes Büchlein: \“Die Gesetze der Liebe. Warum wir lieben, wen wir lieben, wie wir die Liebe erhalten.\“
        Er vertritt übrigens auch die Ansicht (Zitat): \“Kommunikation ist das Schmiermittel, das den Motor der Beziehung am Laufen hält.\“

          • Lieber Adam,

            ich habe mir mit Susanne zusammen einmal einen Vortrag von Prof. Hassebrauck angehört. Mir ist folgendes Zitat in Erinnerung geblieben:

            \“Für Männer wäre es wichtig, dass sie sich mehr zu ihren Gefühlen bekennen und darüber reden, sowohl über Ängste als auch über positive Aspekte. Keine Frau kann Gedanken lesen: Je konkreter die Fehlermeldung ist, desto geringer wird der Reibungsverlust bei der Behebung eines Problems sein.\“ Da hat er nicht ganz Unrecht.

            Was sich natürlich mit dem von dir immer wieder empfohlenen Reden deckt. Und was nicht nur der Grund für meine ständige Neugier ist, sondern uns beide zusammen auch vor manchem Missverständnis bewahrt.

          • Ja, ich glaube, dass niemand Gedanken lesen kann (auch Männer nicht, dochdoch), habe ich auch schonmal erwähnt. Und habe ich auch schon von vielen Paar- und anderen Therapeuten gehört. Weil es die Sache so klar macht: Wenn man mit wem anderen auskommen will oder will, dass wer was tut oder weiß oder was auch immer: Dann muss man es sagen. Weil: Niemand kann Gedanken lesen. Ach, könnte die Welt doch um einiges friedlicher sein, wüssten die Menschen dies.

  • Glückwunsch Adam,
    dieser Artikel zählt zu deinen besten. Das Zitat von Hassebrauck ist sehr treffend. Aber: wir alten Männer sind zum Reden nicht erzogen worden. Kleine Jungen sollten selbst bei Schmerzen nicht weinen. Das heißt Gefühle sind zu unterdrücken.

    • dankeschön, macho. Und eben weil ihr (und wir) Männer nicht zum Reden erzogen wurden, ist es an der Zeit, dass sich da was an der Erziehung ändert (siehe den sehr spannenden Austausch zum Artikel \“301 – Das Vorbild\“).

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