Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

305 – Die heiligen Rituale

| 12 Kommentare

Liebe Frauen,

Weihrauchfässchen raus, Kerzen angezündet, Pentagramme und/oder Kreuze auf Wand und Boden und Stirn, je nach Belieben Tiere opfern oder Puppen durchstechen oder Sünden bekennen, und schon geht sie los, die heilige Scheiße.

Nein, natürlich nicht. Obwohl Erotik in Verbindung mit Religion auch mal eine Kolumne wert wäre. Heute aber möchte ich mich mit dem beschäftigen, was uns heilig ist. Oder heilig geworden ist. Im Laufe der Zeit. Mit Ritualen.

Und wer jetzt sagt: Aha, und was soll das?, kenn ich nicht!, der irrt. Denn Rituale eignen wir uns alle an im Laufe unseres Lebens. Das beginnt am Anfang des Tages, wir wissen genau, ob wir gleich nach dem Ausschalten des Weckers aufstehen oder noch liegenbleiben, zuerst aufs Klo gehen oder unter die Dusche. Und unter Umständen dort pinkeln. Zuerst den O-Saft trinken, dann die Zigarette rauchen, dann die Zeitung aufschlagen, dann die Brote mit Butter beschmieren oder vielleicht doch ein Brot beschmiert und gegessen, dann das nächste. Oder Kaffee muss sein, eine Tasse, bevor auch nur das zweite Auge aufgetan wird. Und so geht es weiter den ganzen lieben langen Tag lang. Ob wir uns im Bus lieber nach hinten oder nach vorne setzen und gleich das Smartphone auspacken oder den Kopf schütteln über die, die das machen. Ob wir nach dem Einschalten des PCs gleich Emails checken oder die Nachrichten oder die Börse oder facebook. Ob wir uns am Klo den Hintern vorne durch die Beine oder hintenrum wischen und ob wir uns das Papier dann anschauen und ob wir, nachdem wir unser Ziel erreicht haben, einen sauberen Arsch nämlich, zur Sicherheit nochmal nachwischen und ob wir das Papier knüllen oder falten und ein, zwei oder drei oder acht Blatt Papier nehmen und ob wir nachschauen, was wir vollbracht haben oder Reste nach dem Spülen bleiben oder … Oder ob wir beim Essen von M&Ms durcheinander essen oder eine Farbe nach der anderen oder ob wir versuchen, eine möglichst schöne Farbkombination übrig zu lassen. All das und noch viel viel viel mehr sind die Rituale, von denen ich spreche.

Und das ist auch erstmal in Ordnung. Denn Rituale geben Sicherheit. Wenn wir uns einmal mit einem Vorgang wohlgefühlt haben, gibt es ja keinen Grund, ihn jedes Mal neu auszudenken. Also machen wir es jedes Mal gleich. Das ist nicht besonders spannend, aber es gibt Momente im Leben, da geht es nicht um Spannung.

Obwohl genau diese Rituale zu Spannungen führen können. Dann nämlich, wenn sie auf die Rituale anderer stoßen. Und diese Rituale nicht ineinander haken. Aufstehen oder liegen bleiben? Teller nach dem Frühstück abwaschen oder stehen lassen? Auf dem Klo die Zeitung lesen oder für den nächsten frei machen? Deckel rauf oder runter und was ist mit dem Deckel der Zahnpastatube? Und es gibt so viele Möglichkeiten, wie man sich den hübschesten Streit vom Zaun brechen kann. Selten gleich am Anfang, wenn noch alles supertoll ist, aber dann doch, wenn die Routine einkehrt im Leben zu zweit. Und sich diese nicht mit der Routine alleine vereinbaren lässt. Dann gilt es, die eigenen Rituale zu hinterfragen. Und dazu muss man sie erstmal kennen. Und das ist alles andere als einfach, denn die besten Rituale sind die, über die man sich keine Gedanken macht, die einfach so passieren und gut ist. Und plötzlich ist angeblich nichts mehr gut. Das Gute aber daran ist, dass man es selber in der Hand hat. Nämlich sich zu ändern. Nicht den anderen. Niemals den anderen. Nur sich. Oder nein, nicht einmal sich, nur die eigenen Rituale. Ich möchte mal eine kleine Übung auf den Weg geben, die aufzeigt, wie schwer es ist, die aber auch aufzeigt, wie man dann doch wieder kleine Momente der Spannung in den Alltag zaubern kann: Zähne mit der anderen Hand putzen. Plätze am Frühstückstisch tauschen. Oder am Sofa vor dem Fernseher. Oder mal den Fernseher ausschalten. Rituale entstehen aus Routine, und Routine kann man durchbrechen. Und man kann neue Rituale entstehen lassen. Vielleicht gemeinsame.

Und man kann sich vielleicht sogar gewisse Rituale ganz bewusst planen. Weil sie einen Vorteil bringen. Weil sie eine Zeit zu zweit ermöglichen, die hinter all den vielen anderen Riutalen, die wir tagaus, tagein absolvieren müssen und die uns so heilig sind, dass wir durchdrehen, wenn wir sie mal nicht durchführen können, zu kurz kommt.

Euer Adam

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12 Kommentare

  1. Lieber Adam,

    Rituale, schönes Thema, auch ohne Weihrauchfässchen und Pentagramme, vielen Dank dafür! … und die roten und grünen Gummibärchen immer zum Schluss.

    Gemeinsame, bewusst geplante Rituale? Wir lieben das. Morgens hilft solch ein Ritual zwei ausgesprochenen frühmorgendlichen Trantüten, irgendwie beide Augen zu öffnen und endlich in Gang zu kommen. Abends hilft es, sich gemächlich vom Tag zu verabschieden und diesen loszulassen. Die Zeit für dieses halbe Stündchen Zeit zu zweit muss sein. Das kann durchaus Routine sein, macht aber Spaß, tut gut und wird nicht langweilig.

    À propos Religion: Wenn die Herren in den langen Kutten mit Stammsitz in Rom samt ihren Weihrauchfässchen keine Ritualliebhaber sind, dann weiß ich es auch nicht.

    • oh, die in Kutten, ja, die stehen auf Rituale, ganz besonders die. Als Ersatzhandlungen, als Machtdemonstrationen, als Geheimniskrämerei … Nächste Woche gibt es gleich nochmal was zum Thema, das du anschneidest: Das halbe Stündchen Zeit zu zweit.

      • Wobei ich eines bezüglich der aus Rom in Kutten zugeben muss: Habemus papam. Sehe ich mir gerne an, was für ein Bombast und ein Brimborium! Das haben die echt drauf.
        Wie du schreibst: Als Machtdemonstration, als Geheimniskrämerei… Da gab und gibt es so manches Undurchsichtige. Damit möchte ich niemanden verunglimpfen oder beleidigen, der gläubig ist.

        • Glaube hat ja auch nur bedingt was mit den ganzen Ritualen zu tun. Das eine geht sehr wohl nämlich auch ohne das andere. Beidseitig.

          • Lieber Adam,

            da hast du vollkommen Recht. Aber nun ja, sicher ein Großteil der Menschheit glaubt gerade im religiösen Bereich an Rituale in Form geregelter Kommunikationsabläufe oder objektiver Handlungen, die ihnen Haltepunkte geben/geben sollen. Dagegen ist erst einmal absolut nichts zu sagen. Insofern wollte ich niemanden in dieser Richtung auch nur ansatzweise beleidigen.

            Aber auch sehr viele Menschen reagieren äußerst empfindlich, erbost und beleidigt, spricht man auch nur die leiseste Kritik insbesondere an einigen undurchsichtigen Dingen speziell in der katholischen Kirche mit ihren vielen Ritualen oder sogar an solchen aus bzw. stellt etwas davon in Frage. Dazu gehört auch falsch verstandener Glaube.

            Ich habe mich einmal auf eine Diskussion eingelassen und dabei die Glaubenskongregation kritisiert, besonders in Bezug auf die Heilige Inquisition mit reichlich Ritualen. Mich wundert es noch heute, dass ich das überlebt habe.

            Und ich wäre zu gerne einmal für ein paar Wochen in den Archiven des Vatikans unterwegs, Schätze von unermesslichem antiquarischem Wert. Insbesondere das Pontifikat von Pius XII. würde mich extrem interessieren (was mich um sehr sehr viele Ecken gedacht zu Nummer 295 führt).

            Das ist auch etwas sehr Schönes an deiner Kolumne. So manches Mal hat mich das Auseinandersetzen mit einem Artikel zum Nachdenken in eine ziemlich gegensätzliche Richtung gebracht. Also auch dafür vielen Dank!

          • ob in der Kirche oder in der Beziehung: Rituale geben uns Sicherheit. Deswegen tendieren wir dazu, sie zu institutionalisieren. Was aber nicht immer sinnvoll ist, vor allem wenn sich die Umstände ändern. Dann muss man Rituale auch hinterfragen und vielleicht kippen. Das geht gottseidank einfacher in einer Beziehung, tät aber der Kirche auch ganz gut. Stattdessen geraten viele Kirchenangehörige/-Anhänger in einen Verteidigungsmodus, der auch in Beziehungen nur allzu bekannt ist: Man wirft sich gegenseitig irgendwelche Dinge an den Kopf, der Streit ist vorprogrammiert und das Ende ist die Trennung. Weil man nicht bereit ist, sich selber zu hinterfragen.

          • Altbekanntes Problem, oder? Sich selbst zu hinterfragen und seine wodurch auch immer gefestigten Verhaltensmuster bzw. sein eigenes Normensystem. Wie du schon schreibst: Nicht jeder ist dazu bereit. Sich selbst ein wenig zu reflektieren (unter Bewusstmachung und Einbezug seiner eigenen ritualisierten Handlungen) ist jedoch nutzlos, will ich daraus keine Konsequenzen ziehen. Friedrich Hacker sagte einmal: „Viele Leute benutzen ihren Kopf nur dazu, ihn zu schütteln.“

          • es ist ja auch einfacher, bei dem zu bleiben, was “immer schon so war”. Denn Neues bedeutet neue Herausforderungen, und man weiß nicht, ob man sie meistern und wohin das führen wird.

          • Sich selbst mit sich selbst zu konfrontieren kann im ungünstigsten Fall wie ein Tritt in den Hintern sein. Da gibt es im Leben sicherlich angenehmere Dinge.
            ” und wohin das führen wird…” kann sich am Ende als recht aufregend im positiven Sinn erweisen und durchaus aus einem gewohnten Ritual ein anderes entstehen lassen, was sich evtl. als das bessere für alle herausstellt.

          • eben, es kann sich als positiv erweisen, aber die Angst, dass es woanders hinführt, ist dann doch oft einfach größer.

          • Ich schätze, das hängt auch davon ab, wie jeder Mensch veranlagt ist. Die einen schreiten forsch voran, die anderen ziehen lieber einen Sicherheitszaun hoch.
            Angst vor einer Veränderung, die oder deren Folgen man vorher nicht ganz präzise einschätzen kann, eben was daraus entstehen könnte, kann die persönliche Entwicklung aber auch extrem limitieren. Aber wenn man Herausforderungen mag…
            Wenn ein Mensch dauerhaft zu zaghaft und zögerlich ist vor dem, was evtl. sein kann, besteht aber in meinen Augen auch die Gefahr, viel Spaß im Leben zu versäumen.
            Sogar einmal ordentlich im Rahmen einer ritualisierten Handlung auf die Schnauze fallen, kann sich im Nachhinein durchaus als Spaß erweisen.

          • das möchte ich mal als Lebensmotto ausgeben: Riskiere Spaß!

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© Raoul Biltgen

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