Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

308 – Der digitale Exhibitionismus

| 4 Kommentare

Liebe Frauen,

Na, schon mal vor der webcam nackig gemacht?

Bild: Auguste Belloc

Ehrlich.

Nein?

Dann gehört Ihr zu den großen Ausnahmen. Das Internet wird geradezu überschwemmt von Videos von Menschen, Männern und Frauen, die sich vor laufender Kamera ausziehen und sich seltsam bewegen dabei (das wird wohl als Tanzen empfunden), sich selber befingern dabei (das wird als genau das empfunden, was es ist) und so weiter (da könnt Ihr Euch selber ausdenken, als was es empfunden wird). Das macht doch heutzutage jeder so. Und jede. Das tut man halt.

Nein?

Ach, Ihr glaubt, die ganzen sogenannten Amateur-Pornos, die es im Netz gibt, sind alle fake?

Nicht alle.

Ja, es gibt welche, die so tun als ob. Dabei handelt es sich vor allem um angebliches Voyeur-Zeug, wo einer, uh, heimlich, durch das Fenster einer Parterre-Wohnung filmt, wie sich drinnen eine Frau im Chearleader-Kostümchen auf dem Sofa räkelt und dabei selbst befriedigt. Das ist natürlich gestellt. Aber von denen rede ich nicht. Eher von denen, wo tatsächlich Bediener und Bedienerin der Kamera auch selber drauf zu sehen sind. Und nun anzunehmen, das sind alles geleakte, wie es so unschön heißt, Videos, als Bildmaterial, das eine Frau ihrem Mann zu dessen Verlustierung geschickt hat, und der hat dies zwar getan, denkt sich aber auch, wer andere könnte daran gefallen finden, spätestens nach der Trennung von der Frau, und stellt es deswegen auf einschlägige Portale, der geht fehl. Immer mehr Menschen schauen nämlich nicht nur solche Sachen, sie stellen sie her. Sie stellen sie online. Selber. Sie wollen, dass sich das wer anschaut.

Und während vor einiger Zeit noch verschämt das Gesicht aus der Kamera rausgehalten wurde, scheint auch dies in der Zwischenzeit eher wurscht geworden zu sein.

Menschen wollen, so scheint es, gesehen werden. Nackt. Oder masturbierend. Oder in weiterer Folge auch mit wem anderen fickend. Aber dazu muss man schon wieder wen finden, der das mitmacht. Und auch da: Nein, die allerwenigsten Videos, die angeblich mit versteckter Kamera gefilmt wurden, sind echt. Es gibt sicher welche, aber meistens steckt da ein halbwegs findiger Videoproduzent dahinter. Wie bei den Voyeur-Videos. Aber so lange man allein ist, muss man sich auch nur selber überwinden.

Nur wozu überwinden?

Das zu tun, was einen gerade in dem Moment anmacht. Und das fällt deswegen leichter, weil man ja alleine ist. Weil man eine vielleicht als seltsam empfundene Phantasie nicht wem erklären muss, um sie umzusetzen. Weil man sich im Schutz der Anonymität befindet. Es ist wie unter der Dusche pinkeln oder sich in der Nase bohren, wenn man vor dem Fernseher sitzt. Oder im Stau.

Das Interessante aber an diesem Phänomen ist die Tatsache, dass der Aspekt, dass sich wer anderer das anschaut und das geil findet und sich vielleicht sogar noch einen dabei runterholt (und ich meine jetzt nicht das Bohren in der Nase), doch eine Rolle spielt. Es steigert den Reiz. Es macht an. Es macht an, dass da irgendwo auf der Welt Leute das gut finden. Oder – der Reiz wird gesteigert, – möglicherweise sogar wer in der Nachbarwohnung. Man macht an. Andere. Die man nicht kennt.

Und hierin sehe ich das gleiche Prinzip wie auf youtube oder bei den ganzen Casting-Shows: Man will Aufmerksamkeit. Und damit auch Anerkennung. Weil man gut skateboard fahren kann oder gut singen kann oder gut sich selber schminken kann oder den längsten Dödel der Stadt hat oder einfach nur, weil man es macht. Weil man man selber ist. Und dies können wir auf einen sehr banalen Satz reduzieren: Wir wollen geliebt werden. So wie wir sind.

Dass dies immer mehr auf digitalem Weg gesucht wird, könnte darauf schließen lassen, dass es auf analogem Weg nicht mehr so leicht möglich ist.

Oder nicht mehr ausreicht.

Euer Adam

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4 Kommentare

  1. Lieber Adam,

    interessantes Thema. Sicher steckt ein gewisses Mass an Exhibitionismus als auch Voyeurismus in jedem von uns. Und sicher wollen wir geliebt werden, Anerkennung und Bestätigung finden. Allerdings finde ich es extrem schade, dass manche Menschen diesem Ziel auf analogem Wege anscheinend nicht mehr näher kommen können und sich deshalb einschlägiger Portale bedienen. Ich frage mich mittlerweile, ob viele Menschen es durch die digitale Anonymität nicht sogar verlernt haben, ihre Möglichkeiten in direktem Kontakt auszuloten. Ist doch viel spannender, wenn ich Aufmerksamkeit per direktem Blickkontakt erlangen kann, Anerkennung und Bestätigung über eine direkte Ansage, oder eben auch nicht.
    Um deine Eingangsfrage zu beantworten: Eindeutiges Nein. Mein Mann und ich sind schlichtweg der Ansicht, dass es Dinge gibt, die privat zu bleiben haben. Wir treiben uns zudem weder auf Facebook rum, noch zwitschern wir, und ignorieren beispielsweise auch Instagram usw.
    Und eine dieser wie auch immer gearteten Homestories zur allgemeinen Verlustierung wird es deshalb von uns auch niemals geben. Insgesamt gesehen finden wir es beide eher sehr traurig, wenn Menschen auf die von dir beschriebene Art und Weise Bestätigung in welcher Form auch immer suchen, sofern eben kein findiger Video-Producer dahinter steckt.

    • Es gibt Studien, die besagen, dass je mehr Porno man schaut, desto weniger Sex hat man tatsächlich. Wäre die Frage, ob es da auch einen Zusammenhang gibt, wenn man sich nackt im Netz zeigt: Je mehr man das tut, desto weniger hat man die Gelegenheit, es vor einer realen Person i.r.l. zu tun? Oder ist der Zusammenhang ein gerichteter, und zwar in die andere Richtung: Je weniger ich die Möglichkeit habe, es in der analogen Welt zu tun, desto mehr suche ich nach digitalem Ersatz? Was wiederum zur Frage führt, ob der digitale Ersatz dann wiederum dazu führt, weniger in der analogen Welt nach Möglichkeiten zu suchen, sich dort das zu holen, was man braucht: Aufmerksamkeit, Sinnlichkeit, Sex.

      • Wundert mich nicht, vermutlich mangels Zeit, die man vor einem Bildschirm verbringt. Oder ist einem die Lust vergangen, weil man sich bereits abreagiert hat? Scheint die Frage zu sein, ob zuerst Huhn oder Ei da war.
        Wobei grundsätzlich nichts gegen Pornos einzuwenden ist, es gibt durchaus gut gemachte und anregende. Aber die Quantität sollte in einem sehr überschaubaren Rahmen bleiben.
        Der Spassfaktor ist doch eindeutig höher, vergnüge ich mich mit einer realen Person. Da kann ich wenigstens fühlen, wie mich ein anderer Mensch berührt, anfasst, seinen Atem spüren, seinen Geruch einatmen. Soweit ist die Technik noch nicht, dass sie auch das bieten kann (zum Glück).
        Gut möglich, dass viele Menschen mangels analoger Möglichkeiten digitalen Ersatz suchen. Ich kann es mir zumindest als Grund vorstellen.

        • manche suchen sicherlich den digitalen Ersatz, weil sie zu wenig davon in der analogen Welt bekommen. Bei anderen aber ist es eine Flucht in die digitale Welt, weil ihnen die analoge Angst macht, weil sie nicht zurecht kommen damit, dass da ein echter Mensch beteiligt sein soll, der eigene Gefühle hat. Und da bietet natürlich der mainstream-Porno vor allem Männern sehr gute Gelegenheiten, da Frauen dort nach wie vor nicht unbedingt als fühlende Wesen, sondern eher als Erfüllungsobjekte männlicher Lust dargestellt werden. Aber natürlich gibt es Ausnahmen und ich verteufele sicher nicht Porno im Allgemeinen.

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© Raoul Biltgen

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