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330 – Das Souvenir

2. Mai 2016

4 Kommentare

  • Liebe

Liebe Frauen,

ich wette, auch Ihr habt irgendwo eine Schachtel, in der die ganzen Erinnerungsstücke an vergangene Tage aufgehoben sind.

Und ich meine: Souvenirs vergangener Lieben.

Geht mal hin und öffnet sie. Was ist drin? Fotos? Wahrscheinlich. Konzerttickets, Kinotickets, Theatertickts. Ein Schleifchen, das mal woran war? An einem Weihnachtshasen? Einem Ostermann? Oh, eine aufgerissene Kondompackung, verfickt, ja, das war, als wir im schönsten Sommer seit Jahren am Strand von Malle, nein, im Park in Berlin, oder doch damals im Auto auf der Fahrt nach Kroatien?, eben richtig, ja, das war’s. Nur mit wem? Klaus? Otto? Eberhard?

330 - das Souvenir | Adam sprichtStimmt natürlich nicht, meine Annahme, dass sich da irgendwelche Ungenauigkeiten in der Erinnerung einschleichen, Ihr wisst ganz genau, dass Ihr mit Pascal bei Euch zuhause im Bett gefickt habt, aber es war das erste Mal und er hat die Gummiverpackung mit den Zähnen aufgerissen, da sieht man noch den Abdruck, und es war gut, so gut, sowas vergisst man doch nicht.

Und doch habt Ihr seit Jahren nicht mehr dran gedacht.

Und an so vieles andere auch nicht. Und ein Kronkorken hat in der Vergangenheit mal eine Rolle gespielt und eine Papierserviette und ein Ü-Ei-Dings auch. Und alles liegt da rum, in der Schachtel der vergessenen Erinnerungstücke. Und Ihr fragt Euch: … Nein, ich frag Euch: Muss das sein?

Oder auch: Darf das sein?

Nach Jahren.

Nach Jahrzehnten?

Zeug, das Ihr jeden Tag in den Müll schmeißt, aufbewahren wie Reliquien, an das Ihr Gefühle und Zeiten und Entscheidungen und Momente knüpft? Rückwärtsgerichteter Schmafu, statt nach vorne zu blicken? Oder wenigstens ins Jetzt?

Ja, klar darf man das, warum denn nicht, wir haben halt gelebt mal, nein?, und wenn es gut war, dann kann es in der Erinnerung auch gut bleiben.

Und was sagt Euer Jetziger dazu? Dass Ihr Eure Nase an ein braunes Schrumpelding haltet, das mal eine Blume war. Die Ihr von diesem einen Typen bekommen habt, der … Der vielleicht gerade zur Sau gemacht wird von seiner Jetzigen, weil er seine Nase an ein braunes Schrumpelding hält, das mal eine Blume war, die Ihr ihm am Tag des letzten Moments ins Gesicht geschmissen habt, dabei wollte er sich doch nur entschuldigen für das, das Ihr nicht entschulden konntet. Und ihm tut es leid und Euch tut es leid, und seiner Freundin nicht. Und nun steht er vor der Entscheidung, ob er, um des lieben Friedens willen, die vertrockneten Blätter nicht doch endlich wegschmeißen soll.

Und ob er das darf.

Die Erinnerung an Euch.

Und was ist, wenn er sich wirklich nicht mehr erinnern kann. Wann hat er diese Blume nochmal geschenkt bekommen? Wann hat er dieses Kondom mal mit den Zähnen aufgerissen? Warum, umhimmelswillen, hat er diese Bierflasche aufbewahrt? Weg damit.

Ja, wir haben gelebt. Ja, wir haben erlebt. Ja, all das gehört zu uns. Ja, all das hat uns dahin geführt, wo wir sind. Und ja, ich kann nur hoffen, dass alle so zufrieden wie möglich sind, da angekommen zu sein, wo sie grad stehen. Um von da weiter zu gehen. Wohin auch immer es sie von da verschlägt. Und deswegen ist es legitim, dass wir Vergangenes in uns bewahren wollen. Gutes und Schlechtes. Aber es ist auch ok, mal was wegzuschmeißen. Egal wie viel es einem mal bedeutet hat. Man muss sich nicht an Zeug klammern. Und manchmal hängt so viel am Zeug, dass es sogar ganz gut ist, das viele, das dran hängt, inklusive dem Zeug selbst wegzuschmeißen.

Aber: Nicht weil Euch irgendwer sagt, Ihr sollt. Aus Eifersucht auf vergangene Zeiten oder schöne Erinnerungen oder was auch immer. Sondern weil Ihr es wollt. Oder weil Ihr merkt, es hat nichts mehr mit Euch zu tun. Und Euer schlechtes Gewissen einem Menschen gegenüber, zu dem Ihr seit Jahren keinen Kontakt mehr hattet, wandert einfach mit in den Müll.

Euer Adam

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4 Kommentare zu "330 – Das Souvenir"

  • So eine Schachtel besitze ich nicht und habe sie auch nie besessen. Erinnerungen an \“Lieben\“ und Ähnliches mit dem anderen Geschlecht sind bei mir digitalisiert und detailliert in einer Art Tagebuch auf dem Computer gespeichert, also schriftlich. Zum immer wieder lesen. Deshalb kommen auch bei mir definitiv keine Namensverwechselungen vor.

  • Hallo Adam,

    du kennst mich zwar nicht, aber du hast irgendwie Recht:
    eigentlich wäre es total typisch für mich, leblose Gegenstände zu glorifizieren, weil Erinnerungen daran hängen. Geschenke? Hab ich. Den Verlobungsring von meinem Verlobten trage ich immer. Das Handy und das Parfüm, das er mir geschenkt hat, nutze ich täglich.
    Von \“Verflossenen\“ habe ich keine Geschenke bekommen. Außer einem Paar Handschuhe, das ich getragen und dann verloren habe so wie alle anderen Handschuhe auch.
    Ach ja, eine Anekdote fällt mir ein: Ein Junge, in den ich zu Schulzeiten verliebt war, hat mal ein Stück Kreide auf mich geworfen. Ich habe dieses Stück Kreide tatsächlich eingepackt und jahrelang in einer wattierten Schachtel aufbewahrt, bevor ich es dann doch irgendwann enstsorgt habe. Denn es war der Hauch von Aufmerksamkeit von ihm. Obwohl er wahrscheinlich nicht mal mich persönlich damit meinte, sondern kindisch und chaotisch wie er war, einfach so die Kreide ziellos im Klassenraum herumgeworfen hat.
    In der NEON war auch neulich ein Artikel über Gegenstände, an denen Leute hängen, weil sie sie an Liebschaften erinnern. Da hab ich mich auch gefragt, und jetzt umso mehr, was stimmt nicht mit mir, dass ich solche Gegenstände oder gar Kisten nicht besitze?
    Ich vermute, es liegt einfach daran, dass ich vor meinem jetzigen Verlobten einfach gar keine Beziehungen hatte. Bis auf zwei kurze \“Geschichten\“, die eine mit den Handschuhen und eine weitere, die ohne jegliche materielle Aufmerksamkeit auskam.
    Vielleicht bin ich ja deswegen bemitleidenswert, aber ich muss sagen, ich vermisse nichts. Wenn ich mich an irgendwelche Typen in meinem Leben erinnern will, weiß ich, welches Word-Dokument ich öffnen muss. 😉

    • Ich glaube nicht, dass du deswegen bemitleidenswert bist, es ist ganz einfach nur eine Geschmacksfrage, ob man Erinnerungen an Gegenstände, Fotos oder Aufgeschriebenes knüpft. Bei Gegenständen sammelt sich halt nur auch rein platzmäßig mit der Zeit einiges an, was vor sich hin verstaubt, dafür ist es leichter, sich auch von manchem zu trennen, nämlich auch im übertragenen Sinn: wegschmeißen als symbolischer Akt, es auch aus dem Jetzt in die Verangenheit zu verbannen. Und ist deine Geschichte mit der Kreide nicht das allerschönste Beispiel genau dafür?

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