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354 – Die bucklige Verwandtschaft

17. Oktober 2016

16 Kommentare

  • Liebe

Liebe Frauen,

nur ganz selten sind wir alleine auf der Welt. Nur ganz selten ist der Mensch, den wir lieben, alleine auf der Welt. Nur ganz selten kriegen wir nur ihn.

Meistens aber gibt es Eltern und Geschwister, Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen. Und Opas und Omas. Und dann noch ein paar, deren Status nicht so einfach zu definieren ist, die aber auch dazu gehören. Und da geht sie los, die große Angst vor dem Anhang, frei nach dem Motto, Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Lebenspartner kann man sich aussuchen, dessen Familie nicht. Ui, hui, was wird da wohl auf mich zukommen?

Glaubt mir, liebe Frauen, die Klischees der bösen Schwiegermutter kommen nicht von ungefähr. Nein, sie kommen von Euch.

354 - die bucklige Verwandschaft | Adam sprichtSie kommen von uns allen. Wir sind es, die über unsere Verwandtschaft reden, als seien sie kaum auszuhalten, als seien sie Freaks vor dem Herrn, Geschöpfe aus einer anderen Welt, ideologisch und intellektuell und überhaupt von einem anderen Stern. Und wir sind es, die Angst haben, unsere Familien dem und der Liebsten vorzustellen, und diese Angst ist viel größer, als sie unser und unsere Liebster und Liebste hat. Aber bekommt. Weil wir lieben ja. Wir lieben und vertrauen und sind empathisch und glauben alles aufs Wort. Und wenn dann die Frau unseres Lebens meint, uh, der eine Onkel, puh, der wird sicherlich sofort mit der politischen Diskussion anfangen, weil der ist dermaßen radikal unterwegs, bitte, halte dich zurück, sonst gibt es Streit, auch wenn er den berühmten „Ich bin ja kein …, aber …“-Satz sagt. Und die Tante, also, die fragt ganz sicher und ganz ungehemmt nach unserem Sexleben. Sag nichts. Gar nichts. Öffne nicht einmal den Mund, weil sie wird dir alles in demselben verdrehen, was auch immer du dir an Harmlosigkeiten ausdenkst, denn sie ist eine frustrierte alte Jungfer, die Sex für das Schlimmste hält, das ihr in ihrem Leben widerfahren ist, und damit meint sie nicht etwa, dass sie selber mal Sex gehabt hätte, nein, iih, sicher nicht, aber ihre Eltern, als sie sie gezeugt haben, wenn sie nur dran denkt, dann würgt es sie. Und dann gibt es noch den Cousin mütterlicherseits, der wird nicht locker lassen, bis er dich unter den Tisch gesoffen hat. Und sein Hund wird dir wähernddessen die Wade rammeln, aber du darfst nichts sagen, da wird er rabiat. Der Cousin. Der Hund auch. Und nicht schief auf seine Zähne schauen, das ist ein Gebiss, auf das er ganz besonders stolz ist, dafür hat er sich mal ganz bewusst und ziemlich angesoffen vom Onkel Dingens die Zähne ausschlagen lassen, damit die Versicherung das übernimmt. Hat sie nicht, Versicherungsbetrug, da ist der heute noch sauer. Also trink und schau ihm in die Augen. Aber nicht seiner Frau. In das Auge, weil das linke ist aus Glas, aber der Cousin meint, das weiß niemand. Also, du weißt von nichts. Und überhaupt, ich glaube, es ist besser, wir verschieben das, das muss ja schief gehen, das ist ganz ganz schrecklich, meine Familie ist ganz ganz schrecklich, warum glaubst du, lebe ich nicht mehr da, sondern hier? Eben. Ebenebeneben. Wir lassen das. So, und jetzt erzähl mir mal von deiner Famile, wie ist denn die so? Deine Mutter ist doch sicher nett.

Und jetzt haben wir sie, die Angst. Und verschoben wird natürlich nicht, denn angekündigt ist der Besuch schon lange und dann schlägt es doch zu, das schlechte Gewissen.

Liebe Frauen, lasst Euch gesagt sein: Meistens ist es nicht so schlimm, wie Ihr uns glauben machen wollt. Meistens sagen wir anschließend: Der ist doch eh ganz nett. Die ist doch eh ganz normal. Und Ihr werdet glauben, wir halten uns zurück. Um höflich zu bleiben. Aber: Ihr habt die Vergangenheit mit Eurer Familie, nicht wir. Ihr denkt an all die Geschichten, die wir höchstens als lustige oder auch nur halblustige Anekdoten zum ersten Mal hören. Und wir gehören nicht dazu. Nur so als Anhang. Es ist nicht unsere Familie. Wir können uns distanzieren. Wir können uns denken: Ja, schräg, aber harmlos und weit weg. Deswegen müsst Ihr gar nicht so sehr Angst schüren. Ohne vorauseilende Furcht würde es uns die Sache vielleicht sogar vereinfachen, sie kennenzulernen, Eure bucklige Verwandtschaft.

Und davon abgesehen: Ihr habt ja unsere Familie nicht erlebt, weil das können wir aber sagen, ha, also mein kleiner Bruder, der hat dermaßen eine mit der Klatsche, der glaubt doch tatsächlich … Genau wie seine Frau. Und mein Cousin. Und meine Cousine. Und überhaupt, ich glaube, wir lassen das lieber mal bleiben, du musst meine Familie ja nicht kennenlernen, ich sag einfach zuhaus, wir haben uns getrennt, und gut ist, ja? Ja? Bitte, sag doch ja.

Euer Adam

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16 Kommentare zu "354 – Die bucklige Verwandtschaft"

  • \“Liebe Frauen, lasst Euch gesagt sein: Meistens ist es nicht so schlimm, wie Ihr uns glauben machen wollt.\“ Da bin ich nicht so ganz deiner Meinung, ist von Fall zu Fall wirklich verschieden.
    Meine Familie hätte ich niemand dauerhaft zumuten wollen, die war sogar für mich nur schwer erträglich. Beispiel: Für meine Eltern war ich weniger als Nichts, weil ein Mädchen. Und \“Mädchen sind unnütze Fresser, die irgendwann noch vor dir stehen und verheiratet werden wollen.\“ Der Bruder meiner Mutter war eine ähnlich gepolte Kanaille. Das ist bzw. war die eine Seite der Medaille.
    Aber ich habe unglaubliches Glück mit meinen Schwiegereltern. Alle beide tolle Menschen, warmherzig, liebevoll, unglaublich entspannt (so haben sie auch ihre Kinder aufgezogen/erzogen). Stephans Eltern sind für mich eindeutig mehr Eltern geworden als es meine jemals waren (da habe ich echt Schwein gehabt). Und sein Großvater war mein Brautvater.
    Ich kann nicht sagen, ob das bei denen irgendwie von Generation zu Generation weitergegeben wurde, die gesamte, recht umfangreiche Sippe hat so einen gewissen Laissez-faire-Touch an sich.

    • Das beschreibt recht anschaulich, welcher Typ Mensch die beiden waren bzw. lässt Schlüsse darauf zu. Paradebeispiel für bucklige Verwandtschaft.
      Nur ein paar Wochen, nachdem ich Susanne kennengelernt hatte, konnte ich es kaum erwarten, sie meinen Eltern vorzustellen. Sie war deutlich weniger euphorisch, mich zu ihrer Verwandtschaft zu schleppen.
      Im Nachhinein habe ich das erst verstanden und erst da bekam ich so nach und nach mehr Informationen. Ihre Mutter und deren Bruder habe ich kaum informiert getroffen mit der Begründung \“ich möchte einfach, dass du dir ein eigenes Bild machst, ohne von mir vorab irgendwie beeinflusst worden zu sein.\“ Um es so nett wie möglich auszudrücken, die kannten größtenteils nur ein Wort und das in Großbuchstaben: ICH ICH ICH.

      • Vielleicht ist also die Warnung ein Zeichen, dass es eh nicht so schlimm werden wird, während die Aussage \“mach dir dein eigenes Bil\“ die wahre Warnung ist, dass es richtig schlimm wird

    • Ja, es gibt wohl Familie, mit der man selber nichts mehr zu tun haben will. Aber dann will man sie ja auch nicht mehr wem auch immer vorstellen. Dann ist es nicht mehr eine Warnung vor dem, was auf einen zukommt, sondern eine Begründung, dass man es wirklich bleiben lässt

      • Da ich natürlich wusste, was da auf uns zukommt, hätte ich Stephan gerne dieses ausgesprochene Negativ-Erlebnis erspart. Aber er wollte nun einmal unbedingt meinen noch vorhandenen Teil der Familie kennenlernen. Er sollte aber nicht mit zu vielen negativen Gedanken an die Sache herangehen, also musste er die Erfahrung mit nur wenigen Infos selbst machen.
        Ich hatte zwar vorab meine Mutter und meinen Patenonkel freundlich gebeten, sich wenigstens ein wenig am Riemen zu reißen (\“sogar ihr beide solltet es irgendwie schaffen, für nur zwei Stunden ein halbwegs annehmbares Gespräch zu führen\“).
        Stephan war hinterher völlig bestürzt und fassungslos, sie haben es tatsächlich geschafft, sich im schlechtestmöglichen Licht zu präsentieren.

        • aber dann hat die ganze Aktion doch noch etwas gebracht: Stephan versteht nun deine Position noch besser, und ihr habt eine weitere Gemeinsamkeit, nämlich die Fassungslosigkeit darüber, wie diese Menschen sind. Auch in der Abgrenzung zu dritten können zwei zusammenfinden.

          • Es ist über 4 Jahre her und wir haben es beide überstanden, außerdem hat sich die Sache mittlerweile endgültig erledigt. Aber ich muss ehrlich sagen, mir und meinen Eltern haben das Kind und das junge Mädchen leid getan. Allerdings bin ich auch sicher, bis heute nicht wirklich alle Details zu kennen.
            Und was sagt meine Frau dazu? \“Es war eine verdammt harte Schule fürs Leben. Und natürlich sind daran wenig gute Erinnerungen vorhanden. Aber ich glaube, genau diese werden mich davor bewahren, gegenüber unseren Kindern jemals lieb- und herzlos oder gleichgültig zu sein. Oder um das anders auszudrücken: dadurch habe ich gelernt, wie man es ganz sicher nicht machen soll.\“

          • aus dem lernen, was die Generation zuvor falsch gemacht hat, ist natürlich super, wenn es gelingt. Und bei euch scheint es eindeutig zu gelingen. Leider erlebe ich auch immer wieder, dass sich die gleichen Fehler von Generation zu Generation fortsetzen. Und da dann einzuhaken, kostet manchmal sehr viel Mühe und Kraft.

          • …dass sich die gleichen Fehler von Generation zu Generation fortsetzen… Da sprichst du etwas Wahres aus.
            Ich hatte während der Schwangerschaft einen so richtig trübsinnigen Tag. Da kam alles wieder hoch, aber das muss man dann einfach zulassen, durchkauen und verarbeiten.
            Ich habe mich gefragt, wieviel ich von meiner Familie \“geerbt\“ habe, von deren Charaktereigenschaften, wieviel ich von deren Denkweise und Einstellung mitbekommen habe. Der Tag hat absolut keinen Spaß gemacht. Wir haben abends darüber gesprochen und Stephan meinte: \“Icn würde dir die Angst gerne nehmen, kann dir dazu aber nur sagen, du bist nicht sie und du bist nicht wie sie. Ich kenne dich jetzt über 4 Jahre und bin vollkommen überzeugt, dass du dich völlig gegensätzlich entwickelt hast.\“ Na ja.
            Einerseits glaube ich, dass sich ein Mensch durch derartig gehäufte Negativ-Erlebnisse durchaus in die entgegengesetzte Richtung entwickeln kann. Und dass er dadurch möglicherweise eine Art verstärkten Antrieb erhält, eben nicht in diese Verhaltensschemata zu verfallen. Andererseits weiß ich es nicht mit unumstößlicher Sicherheit, habe null Ahnung, wie das psychologisch zu sehen ist.
            Aber ein aus meiner Sicht extrem wichtiges Element gesellt sich dazu: ich bin nicht alleine, ich habe meinen Gegenpol. Und ich bin sicher, Stephan würde mir ordentlich die Leviten lesen und aktiv gegensteuern, sollte ich jemals eines der Verhaltensmuster meiner buckligen Verwandtschaft aufweisen. Das nur zu wissen, hilft ungemein.

          • wir sind nicht unsere Familie, wir sind wir. Und auch wenn wir was \“geerbt\“ haben, sind wir kraft unseres Geistes dazu in der Lage, uns dagegen zu stellen. Das ist es, was Mensch-Sein ausmacht. Das ist nicht immer so einfach, aber es geht. Und wenn man dann auch noch jemanden hat, der einem hilft und einen vielleicht auch das eine oder andere Mal (liebevoll) darauf aufmerksam macht, dass man in was reingerutscht ist, was man nicht will, dann ist es natürlich umso besser.

    • Hallo Susanne,
      das ist schön für dich, dass das mit deinen Schwiegerelterrn so gut funktioniert.
      Leider sind aber die Machtkämpfe zwischen Schwiegermutter und -tochter nicht selten. Die Mutter hat ihren Sprößling groß gezogen und viel für ihn getan. Meine Mutter hat Sachen für mich erledigt, die ich leicht hätte selber machen können.
      \“Da kommt jetzt eine fremde Frau, dazu noch jung und unerfahren, und nimmt mir MEINEN Sohn weg.\“
      Die Gegenseite: \“ICH bin jetzt seine Frau und das ist jetzt MEIN Mann.\“
      Es hat nie Streit gegeben, aber meine Mutter ließ mich nichts in IHRER Küche machen und meine Frau erst recht nichts. Die kleinen Unstimmigkeiten waren für mich am schlimmsten. Ich sollte es jedem Recht machen.

      Dazu kam, dass wir zuerst in meinem Elternhaus gewohnt hatten. Als mein Vater auch den Macho gezeigt hat, habe ich einen Bauplatz gekauft – ohne Geld.

      • Ja, das berühmt-berüchtigte Schwiegermonster, sicher gibt es diese Machtkämpfe zwischen beiden Frauen.
        Ich kann nur wiederholen, richtig Glück mit dieser Frau zu haben (ebenso mit meinem Schwiegervater). Sie haben ihre Kinder dazu erzogen, früh so selbstständig wie jeweils dem Alter entsprechend zu sein und die Küche war auch für ihre beiden Jungs kein Tabu.
        Ihre Kinder sind alle recht früh daheim ausgezogen, haben aber stets gewusst, jederzeit sehr gerne auch zurückkehren zu können und stets jegliche Unterstützung ihrer Eltern zu haben. Die beiden Töchter haben mit 20 und 21 geheiratet, sind es nach wie vor mit den selben Partnern. Stephans Bruder ist mit 19 nach Bayreuth gezogen, um Physik zu studieren. Stephan selbst hat sich mit 20 zwecks Jura-Studium Richtung München aufgemacht. Und beide Männer wussten auch, jederzeit ihre Partnerinnen mitbringen zu können, ohne dass es zu Streitigkeiten/Eifersüchteleien ihrer evtl. \“klammernden\“ Mutter kommt, die in Bezug auf ihre Jungs alles besser weiß. Anna handhabt das nach dem Grundsatz: \“Es ist deren Wahl und in allererster Linie müssen sie mit den Frauen auskommen und mit ihnen zusammen ihr Leben gestalten.\“ Mir ist wirklich bewusst, dass ich in der Beziehung sehr viel Glück habe.

        • Hallo Susane,
          da kann ich dich beglückwünschen, dann Harmonie in der Verwandtschaft ist sehr wichtig. Ich hatte mit meinen Schwiegereltern keine Probleme. Leider sind sie früh gestorben.

          • Je näher man aufeinander hockt (wie du es bei deinem vorherigen Kommentar sagst: schon verheiratet noch im Elternhaus wohnen), desto größer ist die Gefahr, dass gerade die vielen Kleinigkeiten zu Großigkeiten werden. Und da kann man sich schon ein wenig vorkommen, wie wenn da von beiden Seiten an einem gezerrt würde, bis die Arme ausreißen. Distanz bringt oft in solchen Fällen die Möglichkeit einer neuen Nähe. Auch wenn es bedeutet, ein finanzielles Risiko einzugehen, kann das auf Dauer die bessere Lösung sein.

  • Die Leviten lesen? Ich bin überzeugt, dass es dazu nicht kommen wird. Sieh mal, ich kenne sie jetzt seit Mai 2011 und erlebe sie seit Anfang April d. J. zusammen mit unseren Babys. Sie hat so gar nichts von diesen Menschen.
    …\“sind wir kraft unseres Geistes dazu in der Lage, uns dagegen zu stellen…\“ Ich denke, dieser Prozess hat bei ihr schon in ganz früher Kindheit begonnen. An dem erwähnten trübsinnigen Tag sagte sie abends zu mir \“ich möchte gerne, dass wir beide zusammen dafür sorgen, dass sie etwas haben, was ich nicht wirklich kenne, nämlich so lange wie möglich eine unbeschwerte Kindheit. Sie sollen schlicht und einfach glückliche Kinder sein.\“

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