Liebe Frauen,
hiermit möchte ich mich outen. Mein Beruf ist nicht nur der des Schreibens, ich bin auch ein Spieler. Poker? Roulette? Einarmiger Bandit? Nein, ich bin Schauspieler. Und gerade habe ich erfahren, dass ich mich in ein paar Monaten auf der Bühne ausziehen muss. Mehr oder weniger ganz. Wie ganz, das wird sich in den Monaten bis dahin
entscheiden. So, und dazu nun das zweite Outing: Ich habe kein Sixpack. Ich habe sogar einen kleinen Bauchansatz, um das mal ganz niedlich zu umschreiben. Mit anderen Worten: Ich sehe nicht aus wie Brad Pitt in Fight Club. Aber die Frage ist: Stört mich das? Oder stört es andere, vornehmlich die Zuschauer, wenn ich meinen Body auf der Bühne ausstelle? Die Antwort auf die zweite Frage ist nur eine Vermutung, aber die Vermutung wäre die gleiche Antwort wie auf Frage 1: Nein. Mich stört es nicht.
Natürlich will ich, dass mich andere attrakriv finden. Ja, es ist mir schon vorgekommen, dass ich am Ende des Winters die Hanteln in die Hand genommen habe, weil ich mir gedacht habe, der Sommer kommt, also bereite dich mal lieber vor. Ich hatte vor Jahren sogar mal ein Fitnessstudio-Abo. Und? Hat es was gebracht? Nicht wirklich. Nicht nachhaltig. Ich bin eigentlich nur hingegangen, weil ich nach dem Training in die Sauna konnte, und ich liebe nunmal Sauna, und das vor allem deswegen, weil es eine Zeit ist, die man sich selber schenkt. Man sitzt oder liegt rum und tut nichts anderes alles sitzen oder liegen. Aber ich wollte nicht über Sauna reden, sondern über die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Wozu Sauna nun doch passt, denn immerhin ist man dort nackt. Und bei diesem Fitnessklub gab es, wie das ja oft der Fall ist, zwei Saunen, eine große gemischte, eine kleine nur für Frauen. Es gab keine nur für Männer. Warum? Und jetzt komme ich endlich auf das, worauf ich hinauswollte: Der Unterschied im Körperverständnis.
Nein, es liegt nicht daran, dass Männer keine getrennte Männersauna brauchen, weil sie viel lieber in die gemischte gehen, weil sie Frauen anschauen wollen. Es geht darum, dass sie kein Problem damit haben, wenn sie nicht lediglich aus Muskeln bestehen. Grad in einem Fitnessklub gibt es doch auch diese. Männer setzen sich daneben und wuchten ihren Bauch über die Oberschenkel und es ist ok. Ja, vielleicht denken sie sich, ach, wär schon schön, so auszusehen. Aber es bleibt bei diesem Gedanken. Bei den meisten. Natürlich gibt es wie immer und überall Ausnahmen, natürlich bleibt mir hier nichts anderes übrig, als zu pauschalisieren. Aber, pauschal gesehen, glaube ich schon, für die ganz große Mehrheit der Männer zu sprechen. Männer sehen das nicht so eng. Wann ist ein Mann dick? Wenn er gerade steht und schaut an sich hinunter und sieht sein eigenes Geschlecht nicht mehr. Das ist die einfache Definition von „dick“ für Männer. Was tut er dagegen? Er sorgt dafür, dass sein Geschlecht größer wird und unter dem Bauch hervorlugt. Das ist zwar nur eine kurzfristige Lösung, aber sie reicht, denn der Gedanke ans zu dick Sein ist auch nur ein kurzfristiger. Und, liebe Frauen: Wir Männer werden jeden Tag darin bestätigt, dass es nicht darauf ankommt, Mister Universum zu sein, denn die Männer, die zum Beispiel in der Fußgängerzone hinter ihren Frauen herdackeln, sind selten Adonisse. Weil es nur sehr wenig davon gibt. Würden Frauen sich wirklich nur mit Männern einlassen, die ihren Wunschträumen entsprechen (weil ich gehe schon davon aus, dass sich die meisten Frauen was Knackiges vorstellen und nicht den Kuschelbären von nebenan), dann müssten viele viele Männer alleine bleiben. Tun sie aber nicht. Also gibt es keinen Grund, sich ernsthaft Sorgen zu machen.
Aber, liebe Frauen, letztens habe ich bei meiner, nein, einer Freundin Anne fern gesehen, und zwar einen Bericht über die neueste Show von Victoria’s Secret, also Unterwäsche an blutjungen Dingern, die aussehen, wie wenn sie gerade vom Himmel gefallen wären. Was sagt Anne? „Manchmal frage ich mich, wie Männer überhaupt mit Frauen wie mir zusammen sein können?“ Und Anne ist kein hässliche Frau, im Gegenteil, sie ist attraktiv, besonders, toll, aber eben nicht spindeldürr und, nein, sie würde niemals auf einem Laufsteg laufen. Na und? Liebe Frauen, Ihr nehmt doch auch die Männer, die nicht für Davidoff nackt aus dem Meer steigen, warum glaubt Ihr also, wir Männer würden nur die Naomis und Kates und Giselles dieser Welt haben wollen? Aber dass Frauen sich, im Gegensatz zu Männern, wohl immer zu dick finden, werde ich gesondert behandeln müssen, denn das braucht Platz.
Euer Adam
Bild: Jean Baptiste Wicar
