Liebe Frauen,
alles, was nicht jetzt oder in der Zukunft ist, liegt in der Vergangenheit. Naja, keine besonders große Erkenntnis, ich weiß. Und auch noch falsch, denn im Grunde ist nur wenig von dem, was in der Vergangenheit liegt, wirklich
vergangen, nicht mehr da, nicht mehr präsent, weg, vergeben und vergessen. Die Vergangenheit begleitet uns alle auf Schritt und Tritt. Alles, was wir irgendwann einmal gemacht haben, macht uns aus, prägt uns, wir schleppen es mit durchs Leben, ob wir stolz darauf sind oder nicht, ob wir ständig daran denken oder nicht, ob es uns wichtig erscheint oder nicht.
Und so spielt eben auch die Vergangenheit eines jeden eine Rolle, wenn eine neue Beziehung vor der Tür steht. Und dann können plötzlich Dinge zum Vorschein kommen, mit denen man gar nicht mehr gerechnet hat. Oder man weiß, irgendwann muss es auf den Tisch, nur wie und vor allem wann? Soll man gleich beim Kennenlernen alles über sich erzählen? Oder lieber warten, schließlich will man sich ja in ein gutes Licht stellen, und so manches Vergangene wirft lange dunkle Schatten. Was schreckt ab? Was will ich gar nicht erzählen? Und was, wenn plötzlich und unerwartet doch alles zum Vorschein kommt?
Je mehr ich von meiner Vergangenheit erzähle, desto mehr gibt es, was meine neue Partnerin irgendwie in das Bild, das sie von mir hat, einbauen muss. Und je mehr ich ihr nicht erzähle, desto mehr Geheimnisse habe ich vor ihr. Und Geheminisse haben eine Eigenschaft: Sie kommen raus. Und alles, was mal Geheimnis war, wiegt doppelt und dreifach, wenn’s keines mehr ist. Daraus ergibt sich folgende Taktik:
Erstens: So wenig wie möglich verschweigen. Denn wenn man es freiwillig sagt, kann es doch nicht so schlimm sein. Und man kann es zum richtigen Zeitpunkt und in der Art und Weise anbringen, die es – wenn nötig – vielleicht auch noch etwas harmloses erscheinen lässt.
Zweitens: Wenn man sich dazu entscheidet, das eine oder andere doch lieber für sich zu behalten, muss man dafür sorgen, dass es auch dabei bleibt. Mit anderen Worten: Erinnerungsstücke, die als deutliche Hinweise auf bisher nie Erwähntes dienen können, wegschaffen. Ja, da muss man dann auch mal die ganze Wohnung auf den Kopf stellen, um hier und da noch was zu finden, von dem man selber nicht mehr wusste, dass es da war. Und damit meine ich nicht, dass es böse oder schlimm oder verwerflich ist, manches lieber für sich zu behalten. Im Gegenteil, auch in Beziehungen muss man nicht alles von sich preis geben. Und wenn das nötige Vertrauen da ist, kann man sogar offen damit umgehen, dass man das eine oder andere Geheimnis hat. So wie Tagebücher des Partners oder der Partnerin unbedingt und absolut tabu sein sollten, kann man das ausweiten: „In dieser Schublade liegen jene Dinge, die nur ganz alleine mich etwas angehen“. Schlecht: Die Schublade absperren und den Schlüssel Tag und Nacht an einer Kette um den Hals tragen, denn spätestens beim Sex wird dieser Schlüssel im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Mann und Frau baumeln und die Frage nach dem „Was versteckt er/sie vor mir?“ aufwerfen. Besser: „Ich bitte dich, diese meine Schublade als meine Schublade zu respektieren und nicht, wenn ich nicht da bin, zu durchstöbern.“ Damit signalisiert man zwei Dinge: Vor allem Vertrauen, zugleich aber auch, dass es wirklich nur um Persönliches geht, das man für sich behalten will, und nicht etwa um ganz ganz schlimme Sachen, die unter allen Umständen verborgen bleiben müssen, weil sonst… Eben.
Und wenn es um die Vergangenheit geht, ist doch eines auch nicht zu vergessen: Die Vergangenheit liegt, egal wie sehr sie noch präsent ist, in der Vergangenheit, sie ist vielleicht nicht vergessen oder wird verschwiegen, aber im Grunde zählt doch nur das Jetzt. Und was ist jetzt? Jetzt bin ich mit dieser einen Frau zusammen, sie mit mir, Ihr mit ihm, sie mit Euch, und alles andere spielt nur mehr eine untergeordnete Rolle. Alles andere und alle anderen. Denn worum geht’s meistens, wenn es um Probleme aus der Vergangenheit geht? Genau, um die Exen. Doch damit werde ich mich in einer Woche näher beschäftigen.
Euer Adam
Bild: Martin van Maele

24. Oktober 2011 um 16:36 Uhr
Harte Schale und weicher Kern.