Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

287 – Der die das tinder

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Liebe Frauen,

früher musste man noch auf die Pirsch, wenn man jagen und erlegen wollte, heute geht das per Klick frei Haus.

Bild: Hans-Günter Quaschinsky

Und wenn ich von Jagd spreche, meine ich nicht diejenige nach etwas Essbarem, sondern jene nach Frischfleisch. Also, nein, nach einem Menschen, mit dem man sich zu Bette begeben kann. Sexpartner halt.

Ich bin ja noch in jener Zeit groß geworden … ja, jetzt folgt die Stelle, die man mit „früher war alles besser“ umschreiben könnte, wenn einem nichts Besseres einfiele, … als man als junger Mann noch seinen Mut in beide Hände packen musste, um eine junge Frau anzusprechen. Und dabei war es meist egal, worauf man es abgesehen hatte, einen One-Night-Stand, sobald der Begriff dafür geprägt war, oder aber etwas Ernsteres, der Anfang war der gleiche. Und was dem Anfang vorausging, war die Angst, eine Abfuhr kassieren zu müssen. Und bei einer anderen es nochmal probieren zu müssen. Was voraussetzte, dass man eine andere fand, bei der man es wagen wollte. Natürlich gab es damals auch viele Jungs, die nicht besonders wählerisch waren, so dass ihre Quote vielleicht mies, das Resultat am Ende der Nacht aber ansehnlich war. Zu denen gehörte ich nicht. Weshalb ich mit einer enorm guten Quote aufwarten kann, die in ganzen Zahlen niemanden beeindruckt. Aber mich glücklich macht. Aber das nur by the way.

Aber heute. Richtig, jetzt folgt naturgemäß der Abschnitt, wo ich ganz ganz böse schimpfe darauf, wie es heute abläuft, und dahinter verbirgt sich nur der Neid meinerseits, dass es heute viel viel einfacher geht, als ich es hatte. Stimmt aber so nicht ganz. Heute gibt es tinder. Und tinder ist nur die vorläufige Speerspitze der digitalen Hilfsmittel, jemanden kennenzulernen. Und tinder ist im Grunde nichts anderes, als das, was altmodisch und analog früher einmal üblich war: Man schaut sich verschiedene Menschen an und entscheidet in Bruchteilen von Sekunden, und das auschließlich aufgrund von Äußerlichkeiten, ob Gefallen eintritt oder nicht. Und dann gibt es einen lässigen Wisch aus dem Handgelenk nach links oder rechts. Bei gegenseitigem Gefallen wird sich dann noch ein zweites und drittes Foto angeschaut, ein Spruch im Profil, und wieder wird entschieden: Ja oder nein. Bei ja wird angeschrieben. Bei ja, wird geantwortet. Bei ja wird sich getroffen. Es ist das Gleiche, nur viel schneller. Weil man so viele Fotos präsentiert bekommt. Weil man so oft den ersten Schritt durch den Wisch in die richtige Richtung machen kann. Weil die Abfuhr nicht direkt ins Gesicht kommt, sondern im Grunde nur dadurch passiert, dass nichts passiert. Aber ein Abfuhr ist es trotzdem. Die Quote wird mieser und mieser. Wenn auch die reine Anzahl an Dates, die sich ergibt, steigt. Die Frage ist also genau wie im richtigen Leben: Quantität oder Qualität? Wobei auch tinder das richtige Leben ist. Auch die digitale Welt ist eine richtige Welt, es ist die Welt, die Teil der Welt ist, in der wir uns aufhalten. Und, wenn wir philosophisch werden wollen, wissen wir ja nicht einmal, wie real die Welt ist, die wir als real ansehen. Und diesen Gedanken gab es schon in Matrix, und diesen Gedanken gab es schon bei Platon. Tinder ist kein Fake. Es geht nur darum, wie wir mit der Abfuhr umgehen. Und ob wir durch die enorme Anzahl an Abfuhren die einzelne noch wahrnehmen. Wahrnehmen können. Denn am Ende des Tages, oder der Nacht, weiß ich doch nicht mehr, wen ich jetzt wohin gewischt habe. Und warum. Wen ich an der Bar hab sitzen lassen, und wem ich ein Bier spendiert habe oder einen Cocktail, um dann doch für den feschen Muskeltypen sitzen gelassen zu werden.

Ich plädiere daher dafür, tinder und Konsorten weder zu dämonisieren, noch zu verherrlichen. Sie sind, was sie sind. Und die, die es nutzen, nutzen es, sie können also, wenn sie sich halbwegs gescheit anlegen, Nutzen daraus ziehen. Oder eben nicht. Und ja, es ist sogar möglich, auf tinder Menschen zu finden, die sich dort nicht angemeldet haben, um so viele wie möglich flach zu legen, sondern um jemanden kennenzulernen, den sie wirklich kennenlernen wollen. Und vielleicht sogar lieben.

Und vor ein paar Tagen hätte ich einem Mann in der Ubahn gerne zugerufen: Geh doch zu tinder, als er über die Köpfe von anderen Fahrgästen hinweg einer Frau vorschlug, sie doch auf ein Bier einzuladen. Die Frau reagierte nicht. Also musste sie ihn nicht gehört haben, war ja auch laut. Also sagte er es nochmal. Keine Reaktion. Nochmal, lauter. Nichts. Jetzt rief er es: Darf ich dich auf ein Bier einladen. Nochmal. Nochmal, der ganze Ubahn-Waggon schaute hin, nur die angebrüllte Frau nicht. Aus gutem Grund, wer will schon mit jemandem auf ein Bier gehen, der einen schon bei der Einladung dazu anschreit. Also zog er weiter, nicht ohne ein angefressenes Gesicht zu ziehen und Unverständliches, sicherlich nicht Wohlmeinendes vor sich hin zu murmeln. Geh doch zu tinder. Da schonst du deine Stimmbänder und die Nerven unschuldiger Passanten und die Frau hätte dich mit einem einzigen lässigen Wisch weggetan und gut.

Euer Adam

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2 Kommentare

  1. Hallo Adam!

    Vielen Dank! Endlich spricht jemand tinder an und bringt es auf den Punkt.
    Ich war auch tinder-Nutzerin und habe dadurch meinen jetzigen Partner kennen gelernt. Eigentlich mehr durch Zufall. Eine Freundin verbrachte ein Jahr in den USA und entdeckte dadurch tinder. Da sie die Idee dieser App so klasse fand, fragte sie mich, ob ich tinder nicht in Deutschland für sie testen wolle, ob es dort auch so viele User gibt. Gesagt, getan, ohne Hintergedanken – natürlich! Ich war glücklicher Single, aber was hatte ich denn zu verlieren? (Genau – mein Singledasein! Auf one-night-stands steh’ ich ohnehin nicht so.)
    Also, fix angemeldet und losgewischt! Ich fand das Prinzip ganz cool. Man konnte so oberflächlich sein, wie man es in der Öffentlichkeit (und man sich gegenübersteht) wohl nicht ist. Man wird angesprochen, ob man es möchte, oder nicht. Und wer zur Hölle will dann schon antworten: ” Sorry, nöö, aber ich mag Deine schiefen, gelben Zähne nicht und ich weiß bei den schielenden Augen nicht, in welches ich gucken soll!” ? Das Problem wird mit tinder wohl ganz einfach gelöst. :)
    Als ich dann meinen Traummann in tinder “getroffen” hatte (obwohl ich schon nicht mehr wusste, dass ich ihn positiv gewischt hatte) und er mich nach längerem Geschreibsel treffen wollte, sagte ich nach noch längerem Geschreibsel zu. Und was soll ich sagen? Es war gar nicht so verkehrt. Ein sehr gut aussehender, junger Mann, sportlich, intelligent, humorvoll stand vor mir… Und er interessierte sich FÜR MICH!! Und das nicht nur für eine Nacht!
    Bald sind wir 1 Jahr zusammen. Und hoffentlich werden es noch ein paar Jahrzehnte mehr – oder gar ein Leben lang. :)
    Ich amüsiere mich bis heute noch über die Blicke der anderen, die mich fragen, wie wir uns kennen gelernt haben. Nicht alles Neue sollte man verteufeln. Oft findet man dadurch so manches Glück.

    Das war meine Erfahrung. ‘Tschuldige, falls es zu lang wurde.

    Ganz liebe Grüße – Jasmin

    • Grad eben habe ich mal wieder eine Diskussion geführt: Internet und Handy verhindern, dass Menschen miteinander in Kontakt kommen usw. Eben nicht, es ist nur ein anderes in Kontakt Kommen. Das muss nicht schlecht sein, hängt halt davon ab, was man draus macht. Wie aus allem. Danke für dein schönes Beispiel, dass auslas böse böse tinder zu was führen kann, das über Gelegenheitssex hinaus geht

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© Raoul Biltgen

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