Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

177 – Das Maipärchen

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Liebe Frauen,

Bild: Thomas Rowlandson

der Winter war lang und hart, und die Menschen haben sich in ihre warmen Kämmerlein zurückgezogen, eingemummelt und versteckt. Und sie wurden einsam und wortkarg, missmutige, grantelnde Bären, die man nicht in ihrem wohlverdienten Winterschlaf wecken sollte, sofern man nicht eine krallenbewehrte Tatze im Gesicht spüren möchte.

Aber jeder Winter geht vorbei, so auch dieser, und der Mai, der schöne Mai, macht, wie das Sprichwort schon sagt, alles neu. Die Sonnenstrahlen kitzeln den alten Bären an der Nase und er klappt seine schlafverkrusteten Augenlider auf, blinzelt einmal, zweimal, streckt sich durch, dehnt den Rücken und die Kaumuskulatur und entscheidet, nach so langer Pause mal wieder Hunger zu haben, ganz abgemagert schaut er aus, na ist doch wahr.

Und so tapst der Bär noch etwas tolpatschig hinaus ins Freie und fängt sich einen ebenfalls noch recht schlaftrunken wirkenden Siebenschläfer und genehmigt sich gleich anschließend noch Kaninchen und Fisch und Schaf und Reh und weiß der Geier, genau, Geier auch noch, was Exquisites zum Nachtisch. Mjam, lecker. Und nun? Nun geht es auf die nächste Pirsch, denn nun wacht eine andere Begierde durch die Gedärme des pelzigen Gesellen, und zwar jene nach Partnerschaft.

Und da wird ein wenig gebrüllt und Duftstoffe hinterlassen und schon findet sich wer, na wär doch gelacht.

Und alsobald pommeln die beiden Bären Arsch an Arsch durch die Wälder und verputzen derweil unvorsichtige Eichhörnchen, die sie sanft in Honig tunken und sich gegenseitig anbieten, na wie putzig ist denn das mal wieder.

Aber ich betreibe ja keine Tierkunde, liebe Frauen, sondern rede über Menschen. Und die Menschen tun das Nämliche. Abgesehen von Eichhörnchen in Honig. Aber Arsch an Arsch durch die Straßen schwarwenzeln, das tun sie sehr wohl. Und sie tun dabei so besonders verliebt. Sie halten Händchen oder ihre Händchen halten Pobacken oder rutschen unter ohnehin sehr kurze Shirts und betütteln dort die Tutteln. Oder sie verschwinden in Hosen und zupfen an Zipfeln. Und die Menschen sind froh und glücklich und zufrieden und sie genieren sich nicht, sich gegenseitig auf offener Straße die Zungen in den Mund zu stecken oder wissend zu grinsen, wenn der Rock durch ein doch noch frisches Lüfterl leicht und fast zu viel gehoben wird.

Doch hinter ihnen schleichen andere Menschen, immer noch in Schal und Mütze gehüllt, weil eine späte Verkühlung, eine frühe Sommergrippe sie erwischt hat, und sie rotzen und husten vor sich hin, und hinter so manchem dieser schleimigen Anfälle ist ein sich Ärgern zu hören über die Jugend von heute und die Schamlosigkeit und „Sucht euch ein Zimmer.“ Naja, man kann ja auch neidisch werden auf das Glück der Maipärchen. Und wie die Maiglöckchen können auch sie giftig sein, so süß und nett sie anzuschauen sind. Und da fragt man sich, was man mit ihnen anstellen soll, mit den Giftpflanzen, ob sie nicht besser ausgerottet gehören, ehe ein tropfnasiger Wanderer sie für Bärlauch hält und daran zugrunde geht.

Aber diese Fragen können sich andere stellen, während ich mich zu den Maipärchen geselle und lustig von einem Bein aufs andere hüpfe und den ganzen guten Bärlauch zertrample, denn den mag ich nicht, der ist bitter, so bitter, ich will Süße, Honig und darin eingelegte Eichhörnchen, auch wenn an denen kaum was dran ist.

Euer Adam

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© Raoul Biltgen

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