Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

129 – Das Kopftuch

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Liebe Frauen,

heute schreibe ich Euch aus Teheran. Ja, genau, Teheran, der Hauptstadt von Iran, jenem Land, welches, glaubt man den westlichen Medien, ganz ganz böse und jederzeit bereit ist, einen atomaren Weltkrieg über die Menschheit hereinbrechen zu lassen, weil… Ja, warum eigentlich? Ja, doch, eben, weil es so ein böses Land ist und überhaupt, das sind doch alles Terroristen, und wie die schon rumlaufen, kein Wunder, oder?, und… Ja, genau, und der Umgang mit den Frauen auch.

Also, ich will auch weiterhin nicht politisch werden, aber ich möchte doch betonen, dass man den Medien eben nicht immer alles einfach so glauben darf. Und dass vor allem die Menschen in Teheran keine Kriegsaufwiegler sind, im Gegenteil, ich glaube, der Satz, den ich am meisten, und das von teilweise wildfremden Menschen auf der Straße, gehört habe, ist: „Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden.“ Und warum haben sie mir das gesagt? Weil sie hofften, dass ich als Westler dieses Satz in den Westen trage. Was ich hiermit getan habe. Und dass dort (wie hier) über die Regierung geschimpft wird, das ist klar. Auch wenn es dort versteckter vor sich geht (und gehen muss).

So, trotzdem bleibt dieses Ding mit den Frauen, wo wir ja wieder bei meinen üblichen Themen wären. Ja, es stimmt, dass Frauen vielen Regeln unterworfen sind, die ihnen das Leben nicht wirklich einfach machen. Die auffälligste dieser Regeln ist das berühmt-berüchtigte Kopftuch. Und eines gleich vorweg: Kopftuch ist nicht gleich Tschador. Zur Erklärung: Tschador ist ein Tuch in Tischdeckengröße, welche über den Kopf drapiert wird, so dass nur mehr das Gesicht frei ist, und dann fällt es über den ganzen Körper bis zu den Füßen. Und damit laufen einige Frauen rum, mehr in Qom als in Teheran (Qom ist eine äußerst konservative Stadt, vergleichbar mit dem Vatikan für Katholiken), aber besonders in Teheran ist das normale Kopftuch, welches zwar den Kopf bedeckt, aber nicht unbedingt alle Haare versteckt, weit verbreiteter. Wieder was anderes ist dieses Teil, das wie eine Maske auch noch das Gesicht verbirgt, was nun wirklich selten vorkommt.

Aber zum Kopftuch.

Ja, die Frauen zeigen Haare. Weil das geht. Und auch ja, die Frauen tragen alle (wirklich alle alle alle ohne Ausnahme) ein Kopftuch. Interessant ist aber, wie sie es tragen. Bei manchen sieht es so aus, wie es auch in unseren Gefilden bei älteren Frauen üblich ist, halt um den Kopf. Bei den jüngeren Frauen aber ist die Tendenz zu beobachten, Grenzen auszuloten, auszureizen, was möglich ist. Und was ist möglich? Viele junge Frauen haben lange Haare. Diese Haare haben sie am Hinterkopf zusammengeknotet. Und das Tuch liegt im Grunde nurmehr auf diesem Knoten. Mit anderen Worten: Versteckt wird nix.

Was mich natürlich zu dem Gedanken führt, wie bigott dieses Kopftuchgebot doch eigentlich ist. Wozu dient es? Soll da etwas versteckt werden? Es wird aber nicht immer was versteckt. Was soll das dann?

Leider ist die Antwort so simpel wie erschreckend: Es geht, mal wieder, um nichts anderes als um Macht. Um Unterdrückung. Frauen müssen. Aus. Und dann geh ich am Tochal, einem Berg oberhalb Teherans, spazieren, wo sich die jungen Leute abends treffen und Federball und Frisbee spielen, und dazwischen fährt ein Kleinbus der Polizei Streife. Um was zu kontrollieren? Ja, ob die Frauen auch schön brav ihr Kopftuch tragen. Und dann können sie entstehen, die Diskussionen, wenn der eine oder andere Polizist doch etwas übereifrig ist, ob denn ein Tuch über einem Haarknoten am Hinterkopf noch dem Gesetz entspricht oder nicht. Und dann kann es vorkommen, dass die Frauen einfach eingesammelt werden, mit dem Bus zur Polizeistation (deshalb sind sie ja überhaupt erst mit dem Bus gekommen, die Polizisten), und dann werden die Eltern kontaktiert, und wer weiß, vielleicht kann man auch gleich noch eine Strafzahlung einfordern, wo wir grad so lustig dabei sind.

Nein, lustig ist es nicht.

Und dann sehe ich in einem Museum, wie unter dem Shah den Frauen das Kopftuch brutal weggerissen wurde, weil in der Zeit genau das Gegenteil gegolten hat: Kopftuchverbot.

Bin ich naiv, wenn ich mich frage, warum der banale Mittelweg nicht möglich ist: Macht doch, was Ihr wollt?

Und dann muss ich mir auch Gedanken über das in vielen europäischen Ländern besprochene Kopftuchverbot machen. Und dessen Sinn. Und ich meine das nun sehr direkt: Welchem Sinn dient das Verbot? Und, nein, rein populistische Antworten, die sich gegen alles wenden, was Islam und so weiter heißt, reichen mir nicht.

Aber ich wollte doch nicht anfangen zu politisieren, Mist.

Also: Ich weiß von den Frauen, mit denen ich gesprochen habe, dass das Kopftuch nicht unbedingt immer sehr angenehm ist, wenn es 38 Grad im Schatten hat, weil man darunter einfach nur schwitzt. Feststellung. Bringt mich aber nicht weiter.

Dann halt nicht.

Dafür tragen sogar Schaufensterpuppen Kopftuch, denn was muss, das muss, egal wie sinnentleert es ist.

Euer Adam

Bild: D. Sharon Pruitt

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© Raoul Biltgen

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