Adam spricht

über alles, was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen

282 – Der Schwabbelbauch

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Liebe Frauen,

seit Ende März dieses Jahres hat die Menschheit einen neuen Schönheitsbegriff, und damit ein neues Schönheitsideal: dad bod.

Bild: Henri Gerbault

Noch nichts davon gehört? Also: Es geht darum, dass Frauen (ja, richtig, Ihr) Männer neuerdings sexy finden, wenn sie einen leichten Bauchansatz haben, statt muskelbepackt und gestählt und fit und schlank und hip. Also wenn Männer einen Körper (bod = body) haben, wie ihn Väter (dad) notgedrungen bekommen, wenn sie ganz einfach keine Zeit mehr fürs täglich Training aufbringen können, dann entsprechen sie dem, was gerade super angesagt ist. Man könnte auch sagen: Schwabbelbauch ist in. Das Schöne daran: Mann muss nicht Vater sein, um einen Dad Bod haben zu dürfen.

Und das noch Schönere daran: Je weniger man tut, um so zu sein, desto eher ist man so.

Und das Erstaunliche daran: Der Trend wurde erst vor ein paar Wochen erfunden, und schon entsprechen fast alle Männer der westlichen Welt genau dem, was jetzt toll sein soll. Und ach die vielen Vorbilder, die es gibt, wenn Leo Di Caprio seine Wampe in die Sonne streckt, wenn Alec Baldwin so aussieht, wie er halt aussieht, und wenn Edward Norton und Michael Keaton mit schön unförmigen Körpern rumlaufen und sich raufen. Und damit haben die Erfinderinnen des dad bods (ja, es waren Frauen an einem College in Amerika) das geschafft, was die sonstigen ganzen Trends der Weltgeschichte grandios verfehlt haben: Sie haben das zum Must-Be erhoben, was eh fast jeder ist. Und damit verhelfen sie dem oft gepushten normcore gehörig auf die Sprünge. So zu sein, wie man ist, wenn man sich keine Mühe gibt, anders zu sein, ist so, wie man zu sein hat. Wunderbar. Ich stelle mich hiermit offiziell zur Wahl des sexiest man alive. Auch wenn die Konkurrenz natürlich so groß wie nie ist. Aber damit kann ich leben.

Und dann denke ich an Euch, liebe Frauen, und wie das denn mal wieder mit dem Pendant in der Frauenwelt ist. Und mir fallen da verschiedene Werbungen ein, Dove zum Beispiel, die auf „normale“ Frauen setzen, also eben keine superschlanken und durchtrainierten und gewaxten Models, sondern Frauen, die halbwegs so sind, wie Frauen weltweit nunmal sind.

Sind sie das?

Naja, relativ, sie zeigen zwar hier und da ein wenig mehr Speck an den Hüften, aber eine so richtig dicke ist da auch nicht dabei. Oder eine mit Cellulitis. Oder mit Schwangerschaftsstreifen. Oder … Und vor allem ist es so was Besonderes, es ist etwas, was sich Dove ganz groß auf die Fahne schreiben kann: Wir machen Werbung mit normalen Frauen. Was heißt: Normal ist das nicht. Noch lange nicht. Sonst würd’s ja nicht beworben werden müssen. Und Brigitte? Die Zeitschrift? Haben die Chefredakteurinnen nicht einmal lauthals verkündet, ab sofort auf Models zu verzichten? Und? Und nix. Wieder sind es Models, die fotografiert werden. Und warum? Brigitte hat einen guten Grund: Ihre Leserinnen wollten das so. Die Leserinnen, die Frauen (ja, Ihr) wollten lieber Models sehen, weil die Nicht-Models in Brigitte immer noch viel schöner ausgeschaut haben als die ganzen tatsächlich normalen Frauen Aber weil es nun hieß, das in der Zeitschrift, das sind die normalen Frauen von der Straße, dachten sich die auf der Straße umso mehr: Gott bin ich hässlich, ich bin nicht einmal so schön wie eine normale Frau von der Straße in Brigitte. Aber bei Models kann man getrost sagen: Ist ein Model, so sehe ich halt nicht aus.

Warum also wurde der dad bod so schnell zum Hit, während es wohl nicht so schnell einen mom bod-hype geben wird?

Weil Männer bequeme Couch-Potatoes sind, die nur darauf gewartet haben, dass sie endlich eine gute Entschuldigung dafür finden, nichts zu tun und trotzdem dem zu entsprechen, was Frauen wollen.

Und Frauen – scheinbar – einfach nicht glauben können (oder wollen), dass Männer ihren Geschmack, was Frauen angeht, so schnell ändern.

Euer Adam

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Ein Kommentar

  1. Und doch sehen wir alle nur mit dem Auge und es isst mit. Immer. Bei jedem. Auch wenn er/sie es sich nicht eingestehen mag oder kann oder muss oder sollte oder was auch immer. Und auch: Geschmäcker sind verschieden, also essen die Augen aller auch immer was anderes. Wie beim Essen die Zunge. Und der Geschmack verändert sich mit der Zeit. Immer. Und immerzu. Nicht von heute auf morgen, vielleicht manchmal, aber doch.

    Und schlussendlich bestimmt das Gesamtbild und der persönliche Geschmack, was ins Leben kommt und in den Magen. Denn was nützt mir ein Schnitzel das so schön aussieht als wäre es von einer überirdischen Macht geschaffen, wenn es dann doch nur vollkommen versalzen ist? Eben. Außer ich stehe auch auf versalzen. Eben. Auch das wird es bei der Vielfalt unserer Population geben. Aber es isst sich das Schnitzel auch verdammt schwer, wenn es zwar nicht versalzen ist, aber dafür ausschaut wie Brei. Vielleicht Einheitsbrei. Aber wenn es schon immer Einheitsbrei war und ist, dann mögen wir es auch.

    Das Problem vieler ist, dass sie, egal wie sie sind, oft trotzdem nicht damit zufrieden sind. Und schon haben es Trends ganz einfach. Machmal auch spannend und lustig.

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© Raoul Biltgen

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