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410 – Die sexuelle Belästigung

12. November 2017

12 Kommentare

  • Männer

Liebe Frauen,

Ihr auch? #meToo?

Seid auch Ihr Opfer von sexueller Belästigung, sexuellen Übergriffen, sexualisierter Gewalt geworden?

Seid auch Ihr ein Teil des Aufschreis, der durch die (westliche) Welt geht und #metoo lautet?

Angefangen hat es, weil eine Schauspielerin das, was eh jeder immer schon gewusst hat, laut geäußert hat: Sie wurde vom Hollywood-Produzenten Weinstein vergewaltigt, zumindest sexuell genötigt. Das Überraschende daran war nicht die Tatsache, dass der das getan hat, es hat auch nie wirklich wer an der Richtigkeit der Behauptungen gezweifelt, sondern dass es eine Frau gab, die das in die Öffentlichkeit gebracht hat. Und nach ihr noch viele andere. Weil es eben nicht nur „eh immer schon gewusst“ war, dass es „nunmal“ in Hollywood so läuft, sondern weil es ganz einfach 410 - die sexuelles Belästigung | Adam sprichtden Tatsachen entspricht. Weil es so ist. Und das betrifft nicht nur die großen Größen des Geschäfts, es ist genau das gleiche Schema bei allen Möchtenergrößen im Business, angefangen bei der Provinzbühne im Nachbardorf.

Aber der Aufschrei ging sehr schnell über diese Branche hinaus. Es waren Chefs aus der Privatwirtschaft, die sich die seit Jahrzehnten im Umlauf befindlichen Herrenwitze zu Herzen genommen haben, und die Weihnachtsfeier für das eine oder andere Schäferstündchen nutzen wollten. Weil dafür sind sie ja da, die Sekretärinnen. So haben sie’s gelernt. So war es schon, als sie noch naive Lehrlinge waren. So wird das gemacht.

Und es griff über zur Politik, es waren Abgeordnete und Ex-Präsidenten, die Brüste und Hintern betatschten und sexistische Witze machten und zum gemeinsamen Unterwäschekauf einluden.

Und dann waren es alle Männer.

Und es waren alle Männer sehr zurecht.

Denn die offensichtlichen Vergewaltigungen sind nur ein Teil des Problems, viel schwerer aber wiegt, dass es bisher nie eines Aufschreis wert zu sein schien. Die weihnachtlichen Tatschereien sind nur ein Teil des Problems, schlimm ist, dass sowas am nächsten Tag oder im neuen Jahr als Alkoholspäßchen abgetan wird. Und es ist nur ein Teil des Problems, dass Frauen weltweit zu sexuellen Handlungen erpresst werden, indem sie, willigen sie nicht ein, massiv gemobbt werden, sondern dass es niemanden, auch keine Kolleginnen und Kollegen gibt, die sagen: Hallo, so geht das nicht.

Es ist ein Teil des Problems, dass wir selbstverständlich über Sekretärinnen reden, und das Wort Sekretär entweder auf ein Möbel bezogen oder aber als Privatassistent und rechte Hand des Obermackers wahrgenommen wird, während die Privatassistentin wohl eher in den Phantasien der Menschen in hohen Hacken und kurzem Rock durchs Chefbüro stöckelt und sich ständig nach heruntergefallenen Kulis bückt.

Es ist Teil des Problems, dass Bauarbeiter Frauen nachpfeifen.

Es ist Teil des Problems, dass Kollegen Kolleginnen Schatzi nennen.

Es ist Teil des Problems, dass manche Männer ohne auch nur mit der Wimper zu zucken steif und fest (pun intended) behaupten, es sei eine Intrige der politischen Gegner, dass da auf einmal Vorwürfe der sexuellen Belästigung an die Medien gehen, statt – vollkommen ungeachtet dessen, ob eine solche Intrige dahintersteckt oder nicht – sich damit auseinandersetzen, dass es offensichtlich Frauen gibt, die sich durch ihr Verhalten belästigt gefühlt haben.

Es ist Teil des Problems, dass die Opfer solcher Übergriffe als hinterlistig und berechnend dargestellt werden, weil sie sich nicht gleich gemeldet oder die Hand erhoben haben.

Es ist Teil des Problems, dass auch Männer Opfer sexueller Übergriffe werden können, und zwar nicht nur durch männliche Täter, dass aber diese als noch hinterlistiger und berechnender als die Frauen abgetan werden.

Es ist Teil des Problems, dass Männer nicht einmal checken, dass so viel von dem, was sie tun und wie sie mit anderen Menschen umgehen, massiv belästigend ist.

Es ist Teil des Problems, wenn nicht mehr unterschieden wird zwischen Flirt und grenzüberschreitendem Verhalten.

Es ist Teil des Problems, wenn auch Frauen all das verharmlosen, anderen Frauen vorwerfen, zu dramatisieren, sich in den Vordergrund drängen zu wollen, Komplimente nicht mehr als solche annehmen zu können.

Es ist Teil des Problems, dass all das in einen großen Topf geschmissen wird, und nicht mehr differenziert auf jeden einzelnen Fall geschaut wird. Dass eine Vergewaltigung neben einen Busenblick gestellt wird, und dadurch jene Frau, die nicht will, dass ihr auf den Ausschnitt gestarrt wird, als Übertreiberin dargestellt wird.

Es ist Teil des Problems, dass Menschen immer denken, dass alle anderen so denken wie sie. Und nicht wahrnehmen, dass ihr Handeln andere verletzen kann. Und dass sie, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, nicht einmal im Traum daran denken, ihr eigenes Handeln, ihre eigene Haltung zu hinterfragen.

Es ist Teil des Problems, dass es jeden was angeht, dass sich jeder betroffen fühlen muss, dass auch der korrekteste aller Männer, ist er mal ganz ehrlich zu sich selber, schon mal sexistische Bemerkungen gemacht, einer Frau auf der Rolltreppe auf den Hintern gestarrt, die Kollegin oder die Nachbarin oder die eigene Frau von oben herab behandelt hat.

Doch was ist Lösung des Problems?

Ein Teil der Lösung des Problems könnte vielleicht sein, dass der momentane Aufschrei tatsächlich dazu führt, dass all das, was eh nichts Neues ist, was eh immer schon so war und eh immer schon jeder gewusst hat, ein wenig aus der vermeintlichen Normalität gezerrt wird.

Damit es anders werden kann.

Indem Männer ihr eigenes #meToo finden. Und damit meinen: Auch ich bin ein Teil des Problems. Also will auch ich ein Teil der Lösung sein.

Euer Adam

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12 Kommentare zu "410 – Die sexuelle Belästigung"

  • Jetzt muss ein alter Mann etwas ausholen. Alles entwickelt sich, über Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Beispiel Homosexualität. War strafbar, weil die allgemeine Auffassung so war. Ist heute mehrheitlich (denke ich) unverständlich.
    Meine Frau und ich können heute nicht verstehen, warum wir damals unsere kleinen Kinder abends nicht mit in eine Gaststätte genommen haben. Damals war unsere Auffassung so – zum Wohle der Kinder.

    Schon vor über 50 Jahren wurde von Emanzipation geredet. Emanzipation geht aber nur in Verbindung mit Selbstbewusstsein der Frauen, sonst werden sie weiterhin von den Männern dominiert. Dieses Selbstbewusstsein hat schon bei ganz einfachen Sachen gefehlt. Eine junge Frau hat nie einen fremden Mann zum Tanz aufgefordert, erst recht nicht, wenn er auf der anderen Seite der Tanzfläche saß.

    Fragt mal alte Ehepaare, ob sie zusammen wären, wenn man auf die Initiative der Frau gewartet hätte. Meine Frau sagte nein, sie hätte nichts unternommen. Damals hat die Frau auf den Mann gewartet und wenn er aktiv wurde, sagte die Frau meistens erstmal nein. Ihr jungen Leute könnt mir glauben, dass sich das selten wie ein NEIN angehört hat. Eher jein, versuch´s noch mal. Wenn der Mann das aber wörtlich genommen hat und nichts mehr unternommen hat, hat die Frau gelästert. Selbst wenn ein Mann fragte, ob er sie küssen darf, hat sie auch oft nein gesagt, weil eine Frau das DAMALS so machte. Wenn ich gefragt habe, habe ich selten auf eine Antwort gewartet. Ich war also, nach heutiger Auffassung, zudringlich. Aber es hat sich nie eine Frau beschwert, sondern geküsst. Ich kann mich nur an eine Absage erinnern.

    Diese ganzen Einstellungen haben viele alten Männer und Frauen beibehalten. Viele ältere Frauen sagen auch heute noch nicht, wenn sie Sex wollen, selbst wenn ihnen die Lust aus den Augen quillt. Und die alten Männer haben verinnerlicht, dass sie den ersten Schritt machen müssen. In Foren, in denen auch Kontakte geknüpft werden können, schreiben auch heute noch ältere Frauen: Ich suche nicht, ich lasse mich finden. Die Frauen warten also immer noch auf die Aktivität der Männer. Natürlich wird es Fälle geben in denen die Männer nicht den richtigen Ton oder die richtige Handlung finden. Aber was ist wann richtig?

    Zum Thema NEIN ist NEIN: Beim 2. Treffen mit einer Frau hat sie mich in ihre Wohnung eingeladen. Sie wollte keinen Sex, was aber Zärtlichkeiten nicht ausgeschlossen hat. Irgendwann sagte sie: was soll´s – und wir sind ins Bett. Wenn mich später ein Richter gefragt hätte, ob die Frau am Anfang Sex ausgeschlossen hat, hätte ich wahrheitsgemäß sagen müssen: ja, hat sie. In der heutigen aufgeladenen Stimmung hätte mich eine RichterIN wegen Nötigung oder sonst etwas verurteilt.

    Zum ernsten Thema mal ein kleiner Spaß: Ich würde nie eine Frau vergewaltigen. Wir Beamte LASSEN arbeiten.

    • tja, wie du sagst, alles entwickelt sich. Und manchmal braucht es einen Aufschrei, dass eine Entwicklung in Schwung kommt. Und bitte in dieser Debatte nicht grenzüberschreitendes Verhalten mit Flirt verwechseln oder in einen Topf schmeißen. Denn auch das ist dann Teil des Problems. (werde ich wohl noch nachtragen müssen …)

      • Genau das stört mich, dass alles in einen Topf geworfen wird UND dass man mal wieder über das Ziel hinaus schießt. Vor wenigen Tagen hat die Schauspielerin Jutta Speidel im Fernsehen geschildert wie locker es beim Dreh zugeht und wie geflirtet wird. Du weiß doch wie oft im Verein oder bei der Arbeit mal ein lockerer Spruch fällt. Dabei ist es schon passiert, dass eine Frau einen einzigen Satz herauspiekt und den weiter erzählt. Das hatte mit dem lockeren Sinn nichts zu tun. Das wird jetzt noch schlimmer. (So ist es auch in der Politik).
        Ganz wichtig vorab: Dass Vorgesetzte ihre Machtstellung ausnutzen ist nicht akzeptabel. Das will ich hier auf keinen Fall rechtfertigen.

        Schon in früheren Jahren haben USA-Frauen schon nach über 10 Jahren bemerkt, dass sie vergewaltigt wurden. Ich habe gelesen, dass Männer nicht mehr alleine mit einer Frau im Fahrstuhl fahren würden.
        Beim Frauenarzt muss bei der Untersuchung immer eine Arzthelferin dabei sein. Wie selten wird dort eine Frau missbraucht und wie hoch ist dieser Aufwand?!

        Meine Frau hat schon öfter mehr oder weniger deutliche Angebote bekommen. Sie hat Argumente. Ihr schöner Busen wird \“rein zufällig\“ berührt. Ich habe ihr gesagt: Du musst den Mann fragen, ob er deinen Busen mal anfassen will. Ich wette, dass es dann vorbei ist.

        Vielleicht schreibe ich mal über das Verhalten von Frauen. Aber nur wenn ich gut drauf bin und die bösen Reaktionen verkraften kann.

        • \“Wie selten wird dort eine Frau missbraucht und wie hoch ist dieser Aufwand?!\“ Das Problem ist, dass es überhaupt zu Missbrauchsfällen kommt. Und dass (manche) Männer sich scheinbar dermaßen wenig unter Kontrolle haben, dass sie kontrolliert werden müssen, ansonsten sie missbrauchen werden.
          Ich bin selber Schauspieler und ich weiß, wie locker es auf Drehs und am Theater zugeht. Das ist aber ein himmelweiter Unterscheid zu unangemessenem Verhalten.

      • Ich hatte nur die Vergangenheit geschildert. Dieses verfestigte Denken wird sich nicht so schnell ändern lassen. Wie es bei jungen Leuten ist weiß ich nicht.
        Ändern müssen sich aber auch die Frauen. Sie müssen so selbstbewusst werden, dass sie sagen – oder zumindest zeigen – was sie wollen. Dann werden das die Männer registrieren und schätzen lernen. Vor einiger Zeit war ein schwedischer Krimi im Fernsehen. Die Kommisarin ging in eine Disco und fragte einen Mann: \“Möchtest du Sex mit mir?\“ Bis wir da sind, ist es noch weit und ich werde das nicht mehr erleben.
        Es wird oft über den guten oder schlechten Liebhaber gesprochen. Warum nicht auch mal über die schlechte Liebhaberin. Eine die sich hinlegt und wartet, dass der Mann es ihr \“besorgt\“. Ich will damit sagen, dass immer der Mann in der Verantwortung ist.

        • \“Sie müssen so selbstbewusst werden, dass sie sagen – oder zumindest zeigen – was sie wollen\“. Und sie fangen damit an, dass sie sagen, was sie nicht wollen. Und was passiert? Es wird ihnen vorgeworfen, dass sie alles übertreiben.

          • Vielleicht habe ich den Eindruck erweckt, dass ich sexuelle Belästigung rechtfertigen will. Das will ich nicht. Ich hatte geschrieben, dass Vergewaltigung und Ausnutzung einer Machtposition nicht akzeptabel sind.
            Ich bin bei wichtigen Themen sehr ernst, aber bei nicht so wichtigen Sachen sehr locker, auch mit lockeren Sprüchen. Wenn diese Sprüche grenzwertig sind, dann bin ich nie alleine mit einer Frau. So habe ich kürzlich zu einer Nachbarin, die jetzt ihre ganz grauen Haare offen trägt, gesagt: \“Wenn meine Frau nicht dabei wäre, würde ich sagen, dass du mir jetzt gut gefällst\“. Aber meine Frau und ihr Mann waren dabei. Jetzt stelle ich vor vor, man zitiert nur diesen einen Satz.

            Aber auch Frauen machen Männer an, pfleifen ihnen nach. Vor allem in der Industrie bei eintöniger Arbeit kann kaum ein Mann unbemerkt durch den Saal gehen. Ich sehe das einfach nur als Spaß. Wenn eine Frau einen Korb bekommt, nimmt sie meistens nachtragend, während Männer zur nächsten Biene summen.

            Wenn diese Beschwerden übertrieben werden, dann ist sicherlich gemeint, dass es jetzt Frauen gibt, die sich schon beschwert haben, wenn ein Mann auf den Busen schaut. Warum wird er vergrößert und zur Schau getragen als ob der Busen eine persönliche Leistung wäre?

          • ich habe nicht gedacht, dass du sexuelle Belästigung rechtfertigen willst. Und du schilderst ja selber verschiedene Situationen, in denen es mal ok ist, mal eben auch nicht. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir alle unsere Sensibilität dafür erhöhen müssen, dass eben nicht jede Situation von jedem gleich gesehen wird. Und deswegen manches auch anders aufgefasst werden kann. Wenn sich beschwert wird, ist das ein Zeichen, dass dies bisher leider nicht (oder zu wenig) zur Anwendung kam.

  • Ich habe eine Frage an den Psychologen: Ist es zutreffend, dass ein Vergewaltiger Macht ausüben will? Dazu braucht er aber die Gegenwehr seines Opfers. Wenn nun die Frau sagen würde: „Sei nicht so grob, ich will doch auch!“ Was würde der Vergewaltiger machen? Würde er vielleicht verschwinden?
    In einem Fernsehfilm war die Frau noch geschickter. Sie hat sich auf den Mann gesetzt, mit dem Rücken zu seinem Gesicht, sich einen Stein gesucht und zugeschlagen.

    • Macht ist ein Aspekt bei einer Vergewaltigung. Das einfach zu umzudrehen, wie du es vorschlägst, funktioniert allerdings (aller Wahrscheinlichkeit nach) nicht. Davon abgesehen: Welcher Mensch ist denn in einer solchen Situation noch dazu imstande, so klar und rational zu denken und zu handeln?

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